Katrin Merle in ihrem Atelier (Bild: Christian Horn)


Titelthema

Eine künstlerische Gesamtschau

Der Bezirk lädt zum ersten „Wochenende der offenen Ateliers in Reinickendorf“

Von Christian Horn

Tage der offenen Ateliers sind fester Bestandteil der Berliner Kunstszene. Sie sind beim Kunstpublikum beliebt, und es gibt sie in den verschiedensten Ausgaben und Größen. Die bezirksweite Variante, bei der die Künstlerateliers eines gesamten Bezirkes in einer koordinierten Veranstaltung ihre Türen öffnen, kommt nun auch nach Reinickendorf.

Die Idee lag wohl schon länger in der Luft, in diesem Jahr ist es nun so weit: Am letzten Maiwochenende, Samstag und Sonntag, 25. und 26. Mai, sind beim „Wochenende der offenen Ateliers“ in annähernd 100 Künstlerateliers in ganz Reinickendorf Besucher willkommen. 

Die vom Bezirk initiierte und vom Kunstamt veranstaltete Gesamtschau gibt Zutritt zur überraschenden Vielfalt künstlerischer Produktionsstätten in Reinickendorf. Neben 18 überall im Bezirk verteilten Einzelateliers sind die drei Reinickendorfer Künstlerhäuser – die Atelieretage AR_29 in Alt-Reinickendorf, der Künstlerhof Frohnau und das Kunstzentrum Tegel-Süd – als Ballungszentren der Künstlerateliers im Bezirk am Atelierwochenende beteiligt. „Bei uns hier in der Atelieretage AR_29 wurde die Idee durchgehend positiv aufgenommen. Unser Atelierhaus veranstaltet jedes Jahr im Herbst die Open Studios, und wir haben beschlossen, den Termin dieses Jahr auf das Atelierwochenende im Mai zu verlegen und uns gemeinsam mit den anderen Atelierhäusern und Einzelateliers hier im Bezirk zu präsentieren“, sagt der Zeichner Jochen Schneider. 

In seinem sonnendurchfluteten Atelierraum erzählt der Künstler von seiner Arbeit und von seinen Vorbereitungen für das Atelierwochenende. An den Atelierwänden hat er schon eine Auswahl neuer Arbeiten zur Probe aufgehängt. „Für uns Künstler sind die offenen Ateliers immer so etwas wie besondere, kleine Ausstellungen, die eigens konzipiert und vorbereitet werden müssen. Aber der Aufwand lohnt sich. Bei den Ateliertagen trifft man neue Leute, knüpft neue Kontakte. Die Leute interessiert es, wo ich arbeite, und die Stimmung ist ganz anders als bei Ausstellungen in Galerien – irgendwie viel näher dran.“ 

„Bei den Open Studios verwandeln sich die über 1.000 Quadratmeter unserer verzweigten Etage in einen gemeinsamen Ausstellungsraum für die Künstler und die vielen eingeladenen Gastkünstler“, freut sich Zuzanna Skiba.

Die Malerin schätzt die Initiative des Bezirks als Möglichkeit, künstlerische Arbeit im Bezirk erstmals im gesammelten Überblick vorzustellen: Eine Plattform für Vernetzung und ein gemeinsamer Auftritt der Reinickendorfer Künstler, eingebunden in ein spannendes Rahmenprogramm mit Atelierführungen, Performances, Lesungen und Konzerten. 

Beim Treffen mit der ernsthaften und engagierten Künstlerin wird spürbar, um was es bei Tagen offener Ateliers geht: Künstlerateliers sind Räume kreativer Konzentration, Zauberküchen, in denen die Künstler Malschicht über Malschicht, Bleistiftstrich an Bleistift­strich in jahrelanger Fleißarbeit Werke entstehen lassen, die dann auf magische Weise eben das sind, was den Betrachter erstaunen lässt: Kunst. 

Gert Beck mit seinem "Theater der 12 Stühle" (Bild: Christian Horn)


Arbeiten in der Waldidylle

Die südkoreanische Künstlerin Heryum Kim hat in der waldidyllischen Ruhe des ganz im Norden des Bezirks gelegenen Künstlerhofs Frohnau den idealen Arbeitsplatz gefunden. „Ich bin in der Großstadt Seoul aufgewachsen und habe, nachdem ich 1988-89 für das Kunststudium an der Universität der Künste [UdK] nach Berlin kam, lange Zeit in der Stadt gearbeitet. Aber es war schon immer mein Wunsch, im Wald, unter Bäumen zu arbeiten. In der Abgeschiedenheit des Künstlerhofs kann ich mich gesichert über Tage und ganze Monate nur auf meine Arbeit konzentrieren.“

Der Regisseur und Medienkünstler Stefan Deckner, der auf dem Künstlerhof direkter Nachbar von Heryun Kim ist und ihre Ausstellung im Atelierwochenende kuratiert, erzählt fasziniert von der Schaffenskraft der Künstlerin. „Heryun ist ein kreatives Energiebündel. An einem Tag räumt sie ihr Atelier komplett leer, und kommt man ein paar Tage später wieder vorbei, ist alles voll mit neuen Werken.“

Die Idee, einen geschützten Arbeits- und Rückzugsort für Künstler zu schaffen, war der Leitgedanke von Maler und Gründervater des Künstlerhofes Dieter Ruckhaberle. „Nach dem Tod Ruckhaberles im vergangenen Jahr bricht bei uns eine Zeitenwende an. Wir müssen, auch wegen der mauen finanziellen Situation des Künstlerhofes, raus aus der selbst gewählten Isolation. Wir haben eine Arbeitsgruppe für Events und eine Bau AG gegründet und mit dem in diesem Jahr zum ersten Mal ausgelobten Dieter-Ruckhaberle-Förderpreis ein öffentlichkeitswirksames Projekt ins Leben gerufen, bei dem sich Künstler aus aller Welt für eine zweimonatige Artist-Residency in einer Atelierwohnung hier auf dem Künstlerhof bewerben können“, sagt Kaya Behkalam, der die Vorstandsgeschäfte nach dem Tod Ruckhaberles übernommen hat.

Künstlerin Zuzanna Skiba (Bild: Andre Smits)


Miteinander im Kunstzentrum Tegel-Süd

Im Kunstzentrum Tegel-Süd arbeitet Ute Ragutzki an einer neuen Serie von Acrylgemälden. Von der figürlich-räumlichen Darstellung kommend hat ihre Kunst im Laufe der Jahre den Weg in die Abstraktion gefunden. Ihre Gemälde, die in einem langwierigen Prozess der Schichtenmalerei entstehen, bestechen durch eine gelungene Mischung von Leichtigkeit und Dichte. „Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich meine eigene künstlerische Sprache gefunden habe. Und das, obwohl ich hier fünf Tage in der Woche intensiv arbeite“, erzählt die Malerin.

Im Atelierhaus ein Stockwerk darüber bringt Katrin Merle, die in ihrem Brotberuf Illustratorin für Schul- und Kinderbuchverlage ist, in ihren Gemälden Natur, Tiere, Wald und Urbanes zusammen. „Mich faszinieren alte Industrielandschaften, die von der Natur zurückerobert werden.“ Neben Illustration und Malerei ist das „Urban Sketching“ die dritte künstlerische Leidenschaft Merles. „Das ist eine mittlerweile weltweit vernetzte Bewegung von Zeichnern, im Fachjargon ‚Sketcher‘, die, immer vor Ort, Menschen und Stadtansichten in schnellen Skizzen und Zeichnungen festhalten.“

Merle freut sich schon auf das Wochenende der offenen Ateliers. „Jeder, der kreativ tätig ist, möchte natürlich seine Arbeiten zeigen. Und Tage der offenen Ateliers sind immer ein Riesenereignis, bei dem alle sehr viel Spaß haben.“ 

Jeder der teilnehmenden Künstler stellt in seinem eigenen Atelier aus, die Flure und das Treppenhaus werden gemeinsam bespielt. „Hier im Kunstzentrum beteiligen sich die meisten am Atelierwochenende. Im Kunstbetrieb gibt es ja sonst jede Menge Konkurrenzkämpfe. Wir haben hier das Glück, dass viele nette Leute, die richtig gute Arbeiten machen, zu einem schönen Miteinander zusammengefunden haben.“ 

Die Künstlergruppe Polyphonie (Bild: Christian Horn)


Begegnungen mit Kunst und vielen Künstlern

Die RAZ im Gespräch mit der Organisatorin Florina Limberg von Kirschendieb & Perlensucher

Die Kulturwissenschaftlerin Florina Limberg von der Agentur Kirschendieb & Perlensucher Kulturprojekte organisiert im Auftrag des Bezirks das Wochenende der offenen Ateliers in Reinickendorf.

Wie entstand die Idee, ein Atelierwochenende für Reinickendorf mit dem Schwerpunkt auf die drei Künstlerhäuser zu veranstalten?

In der Reinickendorfer Bezirksverordnetenversammlung (BVV) wurde beschlossen, ein Atelierwochenende im Bezirk zu unterstützen, auch finanziell, um zu zeigen, wie viele Künstlerinnen und Künstler im Bezirk leben und arbeiten. Viele wissen das ja gar nicht. Nach dem Beschluss stand schnell fest, dass es vom Kunstamt veranstaltet werden soll, und wir wurden angesprochen, ob mein Kollege Sebastian Teutsch und ich die Projektleitung und Organisation übernehmen könnten. Die ersten Gespräche haben wir im Dezember 2017 geführt. Dass die drei Atelierhäuser ein Schwerpunkt geworden sind, ist kein erklärtes Ziel gewesen. Es hat einfach damit zu tun, dass in Reinickendorf die meisten Künstler ihre Ateliers in einem der drei Häuser haben. 

Welches Publikum wollen Sie ansprechen, wie wird das Event beworben und welche Zielsetzung verfolgen Sie?

Das Atelierwochenende ist eine offene Veranstaltung und soll möglichst viele unterschiedliche Besucher ansprechen. Natürlich Fachpublikum, Freunde und Bekannte der Künstler, aber es richtet sich auch an ein interessiertes Publikum aus Reinickendorf und ganz Berlin. Das zeigt sich auch an den unterschiedlichen Programmpunkten, neben Führungen gibt es zum Beispiel Workshops für Kinder oder Konzerte und Mitmach-Aktionen, an denen sich alle beteiligen können, die Lust haben, Atelierluft zu schnuppern und selbst kreativ zu werden.

Beworben wird das Wochenende über Plakate, Programmhefte und hoffentlich viele Presseberichte. Wir setzen auch auf die Mitarbeit der beteiligten Künstler, die die Veranstaltung über ihre Kanäle – Verteiler, Internetseiten, Facebook etc. – bekannt machen. Bei über 100 Künstlern aus 92 Ateliers bekommt das ganze schnell eine gute Reichweite. 

Der Bezirk ist Veranstalter des Atelierwochenendes. Wie ist Reinickendorf bei der Förderung von Künstlern und Kunstszene aufgestellt?

Das Atelierwochenende wird über einen neuen Fördertopf der BVV finanziert. Das Kunstamt ist insgesamt im Bereich der bildenden Kunst sehr aktiv, organisiert zum Beispiel regelmäßig Ausstellungen mit regionaler Kunst. Mit der Rathaus-Galerie und der GalerieETAGE im Museum Reinickendorf gibt es dafür auch zwei passende Orte. Und es gibt auch noch die Graphothek und den Projektraum resiART. Für die freie Szene gibt es den Fördertopf der dezentralen Kulturarbeit Reinickendorf. Hier können allerdings nur Gelder für einzelne Kulturveranstaltungen beantragt werden. Um eine große Künstlerszene nach Reinickendorf zu locken, reichen diese Mittel leider nicht aus. 

Haben Sie persönliche Highlights beim Atelier­wochenende?

Das ist schwer zu sagen. Ich freue mich insgesamt auf das Wochenende und spannende Begegnungen mit Kunst und Künstlern. Auf die Fahrradtouren und den Spaziergang zu den Einzelateliers bin ich sehr gespannt, weil in so einem Rahmen immer besonders intensive Begegnungen stattfinden. Aber eigentlich kann ich nur empfehlen, einen Blick ins Programmheft zu werfen uns selbst herauszufinden, was die Neugier am meisten weckt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Christian Horn

Florina Limberg (Bild: Patricia Schichl)


Wochenende der Offenen Ateliers in Reinickendorf am 25. und 26. Mai

Am Samstag, 25. Mai, und am Sonntag, 26. Mai 2019, findet zum ersten Mal das „Wochenende der offenen Ateliers in Reinickendorf“ statt. Von 12 bis 18 Uhr öffnen fast 100 Künstler ihre Arbeitsräume für das interessierte Publikum. 18 Kreative mit überall im Bezirk verteilten Einzelateliers nehmen ebenso teil wie die drei Künstlerhäuser des Bezirks.

Eröffnung am 25. Mai

Die Eröffnung des Atelierwochenendes mit Bezirksstadträtin Katrin Schultze-Berndt, der Leiterin des Kunstamts Dr. Cornelia Gerner und David Berkel und Zuzanna Skiba von der Atelieretage AR_29 findet um 11.30 Uhr in der Atelieretage AR_29 statt. In Anschluss gibt es ein Konzert mit der Singer-Songwriterin Teresa Bergman.

Atelieretage AR_29

Die 2013 gegründete und vom Berufsverband Bildender Künstler Berlin (bbk) geförderte Atelieretage beherbergt 22 Künstlerateliers. Zum Atelierwochenende gibt es Führungen durch die Ateliers, Live-Malerei, Konzerte, Lesungen und kuratiere Satelliten-Shows.

Atelieretage AR_29, Alt-Reinickendorf 29, 13407 Berlin

Künstlerhof Frohnau

Im Künstlerhof Frohnau gibt es in den Alt- und Neubauten einer ehemaligen Waldklinik über 40 Künstlerateliers. Für das Atelierwochenende sind ein antiquarischer Kunstbuch- und Posterverkauf, Atelierführungen, Workshops, Künstlergespäche, ein Konzert und eine besondere Theatervorführung geplant.  

Künstlerhof Frohnau, Hubertusweg 60, 13456 Berlin

Kunstzentrum Tegel-Süd

Das Kunstzentrum Tegel-Süd ist mit etwa 60 Einzelateliers das größte der drei Reinickendofer Atelierhäuser. Am Atelierwochenende gibt es Workshops, Drucktechnik-Vorführungen, Live-Musik und eine Kunstaktion zum Mitmachen.

Kunstzentrum Tegel-Süd, Neheimer Str. 56-60, 13507 Berlin

Einzelateliers

In den Einzelateliers finden Konzerte, Lesungen und Mitmach-Aktionen statt. Es gibt drei geführte Radtouren zu den verschiedenen Ateliers und einen Atelierspaziergang Reinickendorf-Ost. Anmeldung für Radtouren und Spaziergang unter info@kunstamt-reinickendorf.de oder Tel. 030-440 40 62.

Infos und Programmheft

Das 40 Seiten starke Programmheft mit dem kompletten Veranstaltungsprogramm und Informationen zu den beteiligten Künstlern kann online unter www.kirschendieb-perlensucher.de heruntergeladen werden. Die Programmhefte werden auch überall im Bezirk verteilt. Das Veranstaltungsprogramm und weiterführende Informationen finden sich auch auf der Homepage des Museums Reinickendorf www.museum-reinickendorf.de unter dem dem Menüpunkt Veranstaltungen.

9. Mai 2019