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Politik | Wirtschaft

EU-Projekttag mit einem ganz besonderen Gast

Bundeskanzlerin Angela Merkel stellt sich am Thomas-Mann-Gymnasium den Fragen interessierter Schüler

Von Melanie von Orlow

Märkisches Viertel – Das Spalier der Schüler zog sich vom Tor bis zum Haupteingang und zahlreiche Handys waren gezückt: „Angie“ wurde erwartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel war im Rahmen des von ihr 2007 initiierten „EU-Projekttages“ der Einladung der Schule zum Besuch gefolgt. Das Thomas-Mann-Gymnasium nimmt seit Ende des letzten Jahres an dem internationalen Erasmus-Austausch-Programm teil. Die Neunt- bis Elftklässler haben es sich im Rahmen des Projekts zum Ziel gesetzt, zusammen mit Jugendlichen aus Frankreich, Spanien und Ungarn ein erst 2018 entdecktes Stück der Berliner Mauer in Reinickendorf zu einem Erinnerungs- und Bildungsort aufzuwerten. Damit passte das Profil der Schule perfekt zu dem Ziel des Tages: Es galt, Verständnis für die komplexe Struktur der EU und ihre Entscheidungen zu schaffen. Das dank ihr bisher Erreichte dürfe zudem nicht als etwas Selbstverständliches abgetan werden.

„Das ist kein Selbstläufer!“, erklärte die Bundeskanzlerin im vollen Saal des Fontane-Hauses. Täglich müsse man etwas für den Zusammenhalt der EU tun, und sie erinnerte dabei auch an die vielen kleinen Fortschritte wie den EU-weiten Roaming-Tarif im Mobilfunk. 

Bei der Frage zum Digitalpakt für die Schulen stellte Merkel klar, dass das gar nicht Aufgabe des Bundes ist, da Bildung Ländersache sei – die Klage der Schüler über wenige Beamer, Kreidetafeln und fehlendes WLAN sei daher bei ihr falsch adressiert. Dabei müsse man auch die Prioritäten der Länder anschauen – so habe Berlin beschlossen, die Kitagebühren komplett abzuschaffen; damit fehlten natürlich auch Gelder an anderer Stelle. 

Zum Thema Klimaschutz begrüßte die Bundeskanzlerin das Engagement der Schüler, wenngleich auf ihre Frage, wer sich denn schon an den „Fridays for Future“-Demos beteiligt hätte, nur wenige Hände gehoben wurden. 

Auf die Frage eines syrisch-rumänischen Schülers nach den Vorbereitungen für die nächste „Flüchtlingswelle“ reagierte die Kanzlerin zunächst mit einer dezenten Kritik an dem Ausdruck „Flüchtlingswelle“. „Worte machen Stimmungen!“, mahnte sie und erinnerte an die Bemühungen, durch Abkommen Maßnahmen vor Ort zu unterstützen, damit die Schleuser nicht am Flüchtlingsleid verdienten. 

Gut vorbereitet und informiert präsentierte sich Merkel, als die Jugendlichen Sorgen wegen möglicher Folgen von Artikel 13 (EU DS-GVO) äußerten. Diese Bedenken versuchte sie zu zerstreuen und schlug vor, dass anstelle von Upload-Filtern auch Tags an zu lizensierenden Inhalten verwendet werden könnten. Selbst der Austritt der USA aus dem INF-Vertrag (Intermediate-Range Nuclear Forces) wurde thematisiert – Merkel teilte die Meinung, dass Russland den Vertrag schon lange verletzt habe, und drückte Verständnis für den Austritt aus.

Die Bundeskanzlerin verstand es, trotz der komplexen Themen gut zu unterhalten: Häufiger Szenenapplaus und Gelächter aus dem Publikum krönten Anekdoten und Statements der prominenten Besucherin. Nach anderthalb Stunden gab es als Dankeschön Honig und Kerzen der Imkerei-AG der Schule und eine Unterschrift der Kanzlerin auf einem großformatigen Bild.

11. April 2019