Bild: Christiane Flechtner

Titelthema

Und plötzlich ist alles anders

Am 1. Oktober ist Internationaler Brustkrebstag – ein Blick auf die Krankheit

Von Christiane Flechtner

Draußen scheint die Sonne und alles blüht. Es ist ein traumhafter Sommertag. Vögel zwitschern und die Katze schleicht am Sofa vorbei. Der Blick von Sandra Thumm schweift in die Ferne, auf die Pferdekoppeln, ins Grün, bevor sie sich über den kahlen Kopf streicht und zu reden beginnt. „Es war der 28. Januar, und plötzlich war alles anders.“ An nur einem Tag wurden die Untersuchungen gemacht, und vier Tage später erhielt die 44-jährige die Diagnose: Brustkrebs. 

Der 2,7 Zentimeter große Knoten war bösartig – und der Zeiger des Lebens sprang von „gesund“ auf „todkrank“. Das war nicht nur für die lebensfrohe Lübarserin schwer zu verkraften, sondern auch für ihre gesamte Familie. 

Erfolgreich im Beruf, glücklich mit ihren neun- und elfjährigen Töchtern Kira und Luna und ihrem Mann Damian, schob sich plötzlich eine bedrohliche und undurchdringlich schwarze Wolkenwand in ihrer aller Leben. „,Warum ich? Womit habe ich das verdient?‘ habe ich mich immer wieder gefragt – und fand doch keine Antwort außer der, dass Krebs eben willkürlich ist und jeden treffen kann. Und nun traf es mich“, erinnert sie sich. Der Boden wurde unter ihren Füßen weggezogen, und zurück blieben erst einmal nur unerträgliche Angst und Verzweiflung.

Bei Frauen häufigste Krebserkrankung 

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Mehr als 70.000 Mal im Jahr stellen Ärztinnen und Ärzte die Diagnose „Mammakarzinom“ bei einer Frau, und mehr als 17.000 Frauen sterben jährlich daran. Das macht das Mammakarzinom, so der Fachterminus, zur tödlichsten Gefahr für Frauen hierzulande. Wird die Krankheit allerdings rechtzeitig erkannt und behandelt, sind die meisten Brustkrebserkrankungen heilbar. Der 1. Oktober ist der Internationale Brustkrebstag. Ein angemessener Anlass, über dieses ernste Thema ausführlich zu berichten.

Für Sandra Thumm, für die eine Vorsorge aufgrund anderer Krebserkrankungen in der Familie immer ein wichtiges Thema war, war die Diagnose niederschmetternd. „Ich habe mich die vergangenen Jahre sehr auf Achtsamkeit, Selbstwert und Selbstliebe konzentriert“, erinnert sie sich. Das sei wie eine innere Vorbereitung auf das gewesen, was nun mit voller Wucht einschlug. Dennoch sei sie in den letzten Jahren auch immerwährend gestresst gewesen, ein wahrer Workaholic. Und sie sagte sich oft, dass sie etwas ändern und dringend mal zur Ruhe kommen müsse. Doch das schaffte sie nicht – bis der Tumor kam. Durch ihn wurde ihr nun mit brachialer Gewalt das Extremtempo aus ihrem bisherigen Leben genommen.

„Ich habe einen Tumor mit dem Namen ‚triple negativ’, der extrem schnellwachsend ist“, erklärt sie. „Oft sind diese Tumore genetische Tumore, die eben auch vererbbar sind. Zudem ist das Risiko, dass die andere Brust oder die Eierstöcke befallen werden können, sehr hoch. Doch zum Glück ist das bei mir nicht der Fall“. „Dennoch hat der Krebs mein Leben an nur einem Tag verändert. Alltagssorgen waren plötzlich nicht mehr wichtig, denn nun ging es ums Überleben – für mich und meine Familie.“  

Feste Stütze in schwerer Zeit: Damian und Sandra Thumm (Bild: Christiane Flechtner)

Mit den Kindern sprechen

Wichtig war es der Lübarserin auch, offen mit ihren Kindern zu sprechen und nichts zu verheimlichen. „Ich war mit den Kindern bei der Berliner Krebsgesellschaft e.V. am Robert-Koch-Platz 7 in Mitte, wo wir anhand eines Kinderbuches über Krebs das Thema offen besprochen haben. „Wir haben gemeinsam geweint, aber dieser Schritt war unglaublich wichtig“. 

Fortan standen Krankheit und Chemotherapie im Mittelpunkt ihres Lebens. Die Wahl für oder gegen eine solche Therapie hatte die zweifache Mutter nicht: „Ich wusste, ohne Chemo würde ich sterben, aber mit Chemo hatte ich eine Chance.“ Das Gehirn ging auf Sparmodus, um sie zu schützen, und bot so keinerlei Kapazität für ein negatives Gedanken-Karussell. Nur ab und zu kamen die Ängste hoch – doch in der restlichen Zeit konzentrierte sich der Körper aufs Wesentliche: die Bekämpfung der schweren Krankheit. Alle zwei Wochen ging es nun regelmäßig zur Chemo, und es ging der ums Leben kämpfenden Frau so schlecht, dass sie kaum das Bett verlassen konnte. „Ich hatte fast keine guten Tage in dieser schlimmen Zeit“, erinnert sie sich. „Aber gab es einmal einen, konnte ich den unsagbar intensiv genießen.“ 

Immer mehr Neuerkrankungen

In den vergangenen Jahren ist vor allem in puncto Vorsorge und Information viel geschehen. So wird das Thema Brustkrebs mittlerweile sehr offen in der Öffentlichkeit diskutiert. Mutige Frauen wie die Moderatorin Miriam Pielhau oder Schauspielerin Hendrikje Fitz haben in den letzten Jahren das öffentliche Interesse wieder auf die tödliche Krankheit gerichtet. Das ist auch notwendig, denn die Zahl der Neuerkrankungen steigt. Was kaum bekannt ist: Auch Männer sind betroffen. 500 bis 600 erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs. Doch darüber wird nur wenig gesprochen. Die Scham, von einer „Frauenkrankheit“ betroffen zu sein, ist wahrscheinlich auch einer der Hauptgründe dafür, dass nur wenige Menschen überhaupt wissen, dass auch Männer an einem Mammakarzinom erkranken können. 

Offenheit gegenüber den Kindern: Sandra Thumm und ihre Töchter Luna und KIra (Bild: Christiane Flechtner)

„Die Glatze macht die Krankheit sichtbar“

Die Begleiterscheinungen einer Chemo wurden auch bei Sandra Thumm bald sichtbar: Ihr fielen die ersten Haare aus, und sie erlaubte ihren Kindern, verschiedene Kurzhaarfrisuren an ihr auszuprobieren. „So traurig es auch war – so habe ich die Kinder mit ins Boot geholt, und wir haben dabei viel gelacht“, erinnert sie sich. Wenig später rasierte ihr Mann ihr den Kopf. „An den Haaren hing ich nicht so stark, aber das Thema Glatze hat mich schon sehr beschäftigt“, sagt sie. „Denn sie macht die Krankheit erst sichtbar.“ Dennoch entschied sich die 44-Jährige gegen eine Perücke. Sie geht offen damit um, versteckt sich nicht. „Ich möchte damit ein Zeichen setzen. „Die Leute sollen mich offen fragen, denn so kann ich möglicherweise auch anderen Mut machen und sie auch erinnern, regelmäßig zur Vorsorge zu gehen.“ Zudem erfuhr sie eine unglaubliche Frauensolidarität – von Freunden und Bekannten, aus der Kita oder der Schule, aber auch von Fremden – aus der sie viel Kraft und Zuversicht zog. Viele Frauen haben jedoch nicht so viel Mut wie Sandra Thumm und fühlen sich fremd mit einer Glatze oder unvollkommen mit nur einer Brust: Hilfe und Unterstützung kommt auch hier von anderen Frauen. Zum Beispiel von Christin Belzner, die in ihrem Turbanatelier in der Grußdorfstraße 19 Perücken, Tücher und Turbane verkauft. Sie bietet Kopfbedeckungen bei Chemotherapie und Haarausfall, Ponys für Turbane und Kopftücher und Perücken auf Rezept. Eine Abrechnung ist auch über die Krankenkasse möglich.

Auch Anke Prüstel nimmt sich derer an, die sich trotz Brustkrebs weiterhin schön fühlen wollen: Anderwear heißt ihr Geschäft in der Auguste-Viktoria-Allee 4, das den Untertitel „das Sanitätshaus bei Brustkrebs“ trägt. Die Heiligenseerin erkrankte selbst an Brustkrebs und unterzog sich Operationen, Chemo-Therapien und Bestrahlungen. Nach ihrer Genesung nahm sie ihr Leben selbst in die Hand: Die gelernte Damenmaßschneiderin machte eine Weiterbildung zur Dessous-Schneiderin und eröffnete 2013 ihren eigenen Laden. Die 50-Jährige bietet in ihrem Anderwear nun neben einer umfangreichen und kompetenten Beratung schöne BHs und gut sitzende Bademode, damit sich ehemalige Brustkrebspatientinnen weiterhin schön und sicher fühlen. „Ich nehme Sie so, wie Sie sind, und freue mich auf Sie!“, ist ihr Motto.  Epithesen-BHs, Brustprothesen sowie Nachtwäsche mit Epithesentaschen gehören ebenfalls in ihr Sortiment. So sorgen ihre Maßanfertigungen für eine perfekte Passform und eine schöne Ästhetik . 

Wo gibt es Hilfe im Bezirk?

Auch sonst gibt es Hilfe für Betroffene in Reinickendorf: So befindet sich im Gesundheitsamt in der Teichstraße 65 eine Beratungsstelle für Behinderte und Krebskranke. „Neben Informationen zu rehabilitativen Maßnahmen und Selbsthilfegruppen sowie Hilfen zur Sicherstellung der häuslichen Pflege und Versorgung wird hier auch zu Sozialleistungen und weiteren Themen beraten“, erklärt der zuständige Gesundheitsstadtrat Uwe Brockhausen.

Im Selbsthilfe- und Stadtteilzentrum Reinickendorf des Unionhilfswerks Berlin treffen sich  brustoperierte Frauen von 45 bis 95 Jahren  jeden Dienstag von 14 bis 17 Uhr im Eichhorster Weg 32 zum Kaffeetrinken, zur Gymnastik und zum Gespräch (www.unionhilfswerk.de/selbsthilfe). Gymnastik  mit und ohne Verordnung bietet auch der TSV Wittenau 1896 e.V. im Senftenberger Ring 53. Unterstützung bietet auch der Pflegstützpunkt am Wilhelmsruher Damm 116. 

Mit großer Hoffnung ins Drachenboot

Heute gilt Sandra Thumm als krebsfrei. Sie hat gelernt, sich keine oder zumindest deutlich weniger Gedanken mehr um ihre Zukunft zu machen. Schließlich könne diese morgen vorbei sein, weiß sie. Und so lebt sie im Hier und Jetzt.

Dabei ist sie auf einen Artikel über die Pink Paddler gestoßen, der sie inspiriert hat. Pink Paddler sind von Brustkrebs betroffene Menschen, die in ihrer Freizeit gemeinsam Drachenboot fahren. In Berlin gibt es so ein Team noch nicht. Daher hat Sandra Thumm das Drachenbootfahren in Tegelort beim Berliner Kanu Club Borussia (BKCB) begonnen. Nun möchte der BKCB ein eigenes Pink-Paddler-Team aufbauen. „Die Idee ist es, gemeinsam im Team den Krebs zu bekämpfen und auf diese Weise fit zu werden und zu bleiben. Dazu brauchen wir aber noch mehr betroffene Frauen, die sich anschließen und gern Drachenboot fahren wollen. Interessierte – egal ob Neuling oder fortgeschritten – können sich gerne bei mir per Email an thumm.sandra@gmail.com oder direkt beim Verein unter info@bkc-borussia.de melden“, fügt sie abschließend hinzu.

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Claudia Jäggi (Bild: Christiane Flechtner)

Blindes Vertrauen und besonderer Tastsinn: Speziell geschulte Medizinisch-Taktile Untersucherinnen können Brustkrebs früher erkennen

ist wichtig, Brustkrebs so früh wie möglich zu erkennen. Denn lebensgefährlich ist nicht der Tumor selbst, sondern seine Streuung in den Körper. Werden bösartige Veränderungen in der Brust durch eine gute rechtzeitige Vorsorge erkannt, können sie durch eine Therapie an der Ausbreitung gehindert werden. In der Praxis von Claudia Jäggi, Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Ollenhauerstraße 3-5, wird seit Jahresbeginn eine ganz besondere Vorsorgeuntersuchung angeboten. Die RAZ fragte nach.

Sie bieten die Tastuntersuchung nach „discovering hands“ an. Was hat es damit auf sich?

Blinde und sehbehinderte Frauen verfügen über die besondere Gabe, einen außergewöhnlichen Tastsinn zu haben. Bei der Methode nach „discovering hands“ wird sich diese besondere Begabung des ausgeprägten Tastsinns von sehbehinderten und blinden Frauen zu Nutze gemacht. Sie wurden zuvor in einer sehr hochwertigen, neunmonatigen Ausbildung praktisch als auch theoretisch geschult und zu professionellen Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen kurz MTU`s, ausgebildet. So können sie durch ihre besonderen Tastfähigkeiten bereits sehr kleine Veränderungen im Brustgewebe frühzeitig entdecken.  

Wie läuft die Untersuchung ab?

In einer standardisierten Brusttastuntersuchung wird die Brust von unserer Tastuntersucherin Zentimeter um Zentimeter abgetastet. Haptische Orientierungsstreifen, die auf die Brust gebracht werden, unterteilen diese in mehrere Zonen. Die Brust wird dann nach einem standardisierten Verfahren in allen Gewebetiefen – in drei Ebenen – durch die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen abgetastet. Die so genannte Taktilographie dauert dann circa  40 und 60 Minuten je nach Brustgröße.

Warum bieten Sie diese spezielle Untersuchung an? Kann Mammographie das nicht auch leisten? 

Mir ist es deshalb so wichtig, weil es eine relativ einfache praktische Methode ist, um Brustkrebs früh zu erkennen. Brustkrebs ist eben der häufigste bösartige Tumor der Frau. Bei der Brustkrebsfrüherkennung gibt es drei Säulen: das Abtasten, der Brustultraschall und die Mammographie, das Röntgen der Brust. Diese drei Methoden ergänzen sich gegenseitig, und deshalb ist es auch so wichtig, alle drei Früherkennungsmaßnahmen zu nutzen. Es kann also durchaus auch mal sein , dass bei der Tastuntersuchung nach discovering hands  kleine Knötchen oder Veränderungen entdeckt werden können, die bei den anderen Untersuchungen gegebenenfalls übersehen werden. Zudem ist das Mammographie-Screening für Frauen im Alter von 50 bis 69 vorgesehen, aber es ist wichtig, dass auch junge Frauen sich schon untersuchen lassen sowie die Frauen ab dem 70. Lebensjahr bei der steigenden Lebenserwartung heutzutage. Auch junge Frauen erkranken immer häufiger an Brustkrebs. Dies sind dann oft aggressivere Tumorformen, die bereits nach einem halben Jahr zu tasten sind. Auch hier macht die Tastuntersuchung Sinn, wenn einmal jährlich der Arzt und in einem Abstand von sechs Monaten die MTU untersucht.

Wie genau können die Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen Dinge ertasten?

Nachweislich können diese speziell ausgebildeten Frauen schon Befunde ab sechs Millimeter ertasten, wohingegen der Arzt in der Regel erst Befunde ab einem Zentimeter ertasten kann. Patienten spüren Knötchen oder Veränderungen meist erst ab einer Größe von 1,5 Zentimetern. Wenn Arzt und MTU insbesondere im ambulanten Bereich beide untersuchen, entsteht eine Treffsicherheit von 82 Prozent, bösartige Befunde aufzudecken. Es ist eine echte Win-Win-Situation: Brustkrebs kann bereits viel früher erkannt werden, und gleichzeitig haben Frauen mit einer Sehbehinderung durch die Taktilographie die Möglichkeit, wieder in den Arbeitsalltag integriert zu werden. 

Was kostet die Untersuchung?

Die Untersuchung, die insbesondere der Prophylaxe dient, kostet 48,50 Euro. Doch mittlerweile gibt es schon rund 30 Krankenkassen, die diese standardisierte Untersuchung jährlich übernehmen.

Können auch Frauen zu Ihnen kommen, die nicht Patientin bei Ihnen sind?

Ja natürlich. Wir bieten die Medizinisch-Taktile Untersuchung an zwei Tagen pro Woche an, und zwar Montagvormittag von 9 bis 14 Uhr und Dienstagnachmittag von 11 bis 17 Uhr. Weitere Infos gibt es unter www.praxis-jaeggi.de.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview Christiane Flechtner

26. September 2019