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Nicht nur drüber reden – selber kochen!

In Reinickendorf gibt es Projekte, die die gesunde Ernährung unterstütze

Von Anja Jönsson

Was ist beim Essen wichtig? Dass es schmeckt! Der im Januar vorgestellte Ernährungsreport der Bundesregierung bringt es auf den Punkt. Bei Essen und Trinken geht es vor allem um Geschmack, der ist für 99 Prozent der Befragten das Wichtigste am Essen. Auch finden 91 Prozent der Befragten, dass Ernährung vor allem gesund sein soll. Zwischen den Angaben der Befragten und dem tatsächlichen Verhalten der Verbraucher im Alltag liegt offenbar eine Kluft. Denn seit Jahren nimmt die Zahl übergewichtiger Menschen zu.

Mitte Januar mahnte das Deutsche Kinderhilfswerk anlässlich der Bundestagsdebatte über gesunde Ernährung gesetzliche Maßnahmen für besseres Essen in Kitas und Schulen an. Aus Sicht der Organisation sind die zahlreichen Appelle und Ankündigungen der letzten Jahre weitgehend verpufft. Ein erster Ansatzpunkt für konkrete Maßnahmen wäre eine generelle Reduzierung des Mehrwertsteuersatzes für Kita- und Schulessen von 19 auf 7 Prozent. Das hätte Einfluss auf die Berliner Schulverpflegung. Ab dem Schuljahr 2019/2020 wird das Essen in den Grundschulen für alle Schüler kostenlos sein. Diese Regelung gilt auch für die 5. und 6. Klassen an Gymnasien. Das stößt nicht überall auf Freude. „In unseren Schulkantinen werden unsere Kinder nachweislich schlecht ernährt. Mahlzeiten sind meist unausgewogen, vitamin- und mineralstoffarm. Eine Folge viel zu niedriger Kostenbeiträge, mit denen Caterer zurechtkommen müssen. Kein Wunder, dass sich immer mehr vom Schul­essen abmelden“, kritisiert die Reinickendorfer Wahlkreisabgeordnete Emine Demirbüken-Wegener den Vorstoß. Der Senat müsse seinen Beitrag deutlich erhöhen und für gesundes Essen sorgen, statt den Preisdruck auf Anbieter durch ein kostenloses Angebot noch weiter zu erhöhen.

Die Vernetzungsstelle Kita- und Schulverpflegung Berlin begrüßt dagegen ein kostenloses Mittagessen, da zu einer kostenlosen Bildung ebenso eine kostenlose Schulverpflegung gehöre. Seit 2008 kooperiert die Vernetzungsstelle mit dem Senat und allen zwölf Berliner Bezirken. 

Die Arbeit des Vereins führte 2013 in Berlin zu dem „Gesetz über die Qualitätsverbesserung des Schulmittagessens“. Alle Bezirke brachten daraufhin neue Ausschreibungen für das Schulcatering heraus, die sich komplett nach den Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) richten. Aktuell wird an den neuen Musterausschreibungen gearbeitet, da die derzeit gültigen Verträge 2020 auslaufen.

Die Anforderungen an das Schulessen sind hoch, gesund soll es sein, lecker – und dabei möglichst wenig kosten. Das ist ein schwieriger Spagat.Großen Erfolg hat die Grundschule am Schäfersee mit ihrem Mensa-Konzept. Hier kocht eine Köchin, die von drei weiteren Küchenmitarbeiterinnen unterstützt wird. Sie alle sind bei Aufwind e.V. angestellt. Die Kooperation der Grundschule am Schäfersee mit Aufwind besteht seit rund 17 Jahren, als der Verein für die Schulsozialarbeit an der Schulstation ausgewählt wurde. Anfangs wurde für die Schüler in der ehemaligen Kita am Schäfersee (im heutigen Haus am See) gekocht. 2008 wurde die Mensa der Schule neu gebaut. Der Bau ist eine gelungene lichtdurchflutete Mauerwerk-Glas-Stahl-Konstruktion. Aus einer serienmäßigen Verteilerküche wurde eine „Premiumküche de luxe”. Die Kinder aus dem Umfeld des Schäfersees finden hier eine Essenssituation vor, die nicht mehr alle selbstverständlich von Zuhause kennen: frisches und gesundes Essen in freundlicher Atmosphäre.

Die Mitglieder des Küchenteams kennen jedes Kind. Frau Müller, die Köchin, weiß um die Vorlieben und Abneigungen der Schüler. Sie weiß, wer viele Kartoffeln mit viel Soße möchte, wer lieber Reis mit viel Gemüse isst oder lieber Fisch als Fleisch möchte. Entsprechend tellt sie die Portionen zusammen. Jedes Kind kann sich Nachschläge holen, bis es satt ist und solange der Vorrat reicht. Und das alles mit freundlicher Ansprache „Wie geht es dir heute?“– „Na, war die Mathearbeit so schlimm, wie du gestern befürchtet hast?“ Zudem ist Frau Müller ausgebildete Diätköchin und hat ein Auge auf die Kinder mit Diabetes und anderen ernährungsrelevanten Erkrankungen. Diese Kinder werden bei Bedarf auch außerhalb der der Essenszeiten entsprechend versorgt.

Essen in Gemeinschaft

Die Kinder können innerhalb eines Zeitrahmens von drei Stunden essen, gehen wann sie wollen. Auch Schulpersonal und Eltern können gegen Bezahlung ein Essen bekommen, ohne sich vorher anmelden zu müssen. Dass die Kinder gemeinsam mit Lehren und Erziehen essen können, genießen sie. Es kommen viele Gespräche abseits der Unterrichtsthemen zustande. Und was steht auf dem Speiseplan? 

Der Bio-Anteil der Schulküche liegt zurzeit mit 85 Prozent wesentlich über dem Berliner Durchschnitt. In der Küche wird kein Schweinefleisch verwendet. Täglich steht auch ein vegetarisches Gericht zur Verfügung. Die Komponenten des vegetarischen und des nicht-vegetarischen Essens sind auf Wunsch austauschbar. Täglich frische Salate und mundgerecht vorbereitetes Obst runden das Angebot ab.

Wie wird es finanziert?

Kinder mit Betreuungsvertrag kostet das Essen 37 oder 19,10 Euro durch Vorlage des Berlinpasses im Monat. Ohne Betreuungsvertrag zahlen sie 3,50 Euro oder 1 Euro durch Vorlage des Berlinpasses und Abschluss eines Cateringvertrages. Für Erwachsene werden 4 Euro pro Essen fällig.

Die Mittagsverpflegung aller Schüler der Grundschule am Schäfersee stellt Aufwind e.V. vor organisatorische und logistische Hindernisse. Die Mensa ist für knapp 70 Schüler gebaut, und rund 440 Schüler besuchen die Schule. Derzeit können täglich um die 260 Essen zubereitet werden. Um die Kinder auch weiterhin so gut zu versorgen zu können, daran arbeitet Aufwind. „Vermutlich müssen Essensmarken eingeführt werden, um die Verarbeitung der Lebensmittel so wirtschaftlich wie möglich zu gewährleisten“, sagt Sabine Hermann-Rosenthal, Geschäftsführerin des Vereins.

Bewusste Ernährung

Wo kommen denn Karotten her? Was ist Petersilie, was ist Schnittlauch? Auf der Familienfarm Lübars erfahren 15 Kitakinder aus dem Märkischen Viertel, wo Lebensmittel herkommen, und wie man sie verarbeitet. Zweimal im Jahr lernen zwei Kitagruppen in zehnwöchigen Kochkursen aus regionalen Zutaten leckere Gerichte zu machen, entdecken das Nutztiergehege der Farm und ernten im Gemüse- und Kräutergarten ihre Kochzutaten. Seit 2013 kocht die Sarah-Wiener-Stiftung mit den Kita-Gruppen auf dem Kinderbauernhof. Die Gesobau unterstützt die Stiftung finanziell, bringt sie mit Kitas im Kiez in Kontakt und hat dafür gesorgt, dass die Koch- und Ernährungskurse mit der Familienfarm einen geeigneten Veranstaltungsort bekommen. „Uns gefällt, dass die Kinder zu Botschaftern werden. Auf Basis ihres neu erworbenen Wissens tragen sie Ideen, wie man sich besser ernährt, in ihre Familien,“ sagt Jörg Franzen, Gesobau- Vorstandsvorsitzender. Nach einer dreijährigen Kooperationsphase befragte die Gesobau die teilnehmenden Kitas nach ihren Erfahrungen mit dem Projekt sowie den Lerneffekten für die Kinder. Dazu wurden alle Kitas eingeladen und, im Januar 2017 wurde beschlossen, das Projekt für weitere drei Jahre fortzusetzen.

Essen erlebbar machen

Auch das „meredo“ setzt auf gesunde Ernährung. Das Medienkompetenzzentrum des Bezirksamtes – kurz meredo – bietet seit acht Jahren in den Winterferien den Workshop „Gesunder Kochgenuss“ an. Der Kurs richtet sich an Jungen. Benjamin Kubler, Erzieher und Medienpädagoge, leitet ihn. Seiner Erfahrung nach gehen Jungen viel kreativer an die Sache heran. Der erste Kurs mit Mädchen brachte etwas Ernüchterung, weil sich die Mädchen Nudeln mit Käsesauce als Menühighlight wünschten. Erstaunt waren sie, dass die Nudeln selbst hergestellt werden sollten. Kubler entschied, so schnell nicht wieder Nudeln selbst herzustellen und die Kurse mit Jungen durchzuführen. 

Das Projekt startet damit, dass die Jungen ein Drei-Gänge-Menü aus verschiedenen Kochbüchern zusammenstellen. Sie beraten und stimmen ab. „Dabei kommen ganz ungewöhnliche Kombinationen zustande“ sagt Kubler. Das Menü wird nach der Woche innerhalb einer Abschlussveranstaltung den Eltern serviert. Während der Woche gehört auch eine Blindverkostung verschiedener Obst- und Gemüsesorten dazu. Die Jungen erfühlen und „erschmecken“ beispielsweise eine Mango oder Avocado.

Der Kurs in den Winterferien ist schon gut gebucht, aber es kann nachgefragt, werden, ob ein Platz frei geworden ist (info@meredo.de). Ansonsten kann man sich den Termin für die nächsten Winterferien vormerken. Gesunde Ernährung ist kein Hexenwerk, laute die Devise des Projekts.

Superfrühstück gesucht

Die Stiftung „yum me“ möchte bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für gute Ernährung schaffen. Sie vermittelt das originell und praktisch. „yum me“ startet den Wettbewerb, „yum me sucht das Superfrühstück“ für Kinder und Jugendliche zum diesjährigen Motto: „Frühstück von nebenan“ – alles, was frisch geerntet und auf kurzem Weg in der Frühstücksküche landet. 

Schüler zwischen sechs und 17 Jahren aller Schulformen, egal ob als Schulklasse, Kleingruppe oder außerschulische Gruppe (Verein, Camp, Schülerfirma, Sportgruppe) aus ganz Deutschland können sich mit einem selbstgedrehten Videoclip an der Challenge „yum me sucht das Superfrühstück“ um tolle Erlebnispreise bewerben. 

Eine siebenköpfige Jury, Schülerinnen und Schüler unter dem Vorsitz von Ronny Pietzner, dem Teamchef der Nationalmannschaft der Köche, trifft eine Vorauswahl und entscheidet, welche Videos ins Finale kommen. Aus den 20 besten Videos werden zehn Gewinner durch Online-Voting gewählt. 

Nähere Infos auf der Webseite www.yumme.de

Nüsse, Kakao und Soja machen glücklich!

Die RAZ im Gespräch mit der Reinickendorfer Ernährungswissenschaftlerin Manuela Marin

Gesunde Ernährung ist in aller Munde. Berichte über Übergewichtige nehmen aber zu.  Wie das?

Die Menschen hierzulande wissen sehr viel und auch viel Richtiges über gesunde Ernährung, aber sie haben Mühe, diese Kenntnisse in die Praxis umzusetzen. Da spielen Gewohnheiten, Zeitmangel (manchmal auch vermeintlicher) und Bequemlichkeit eine große Rolle. Beim Übergewicht kommt noch die ständige Verfügbarkeit und das überreiche Angebot von Nahrung dazu.  Gesunde Ernährung wird nur dann wirklich in aller Munde sein, wenn sie lecker, einfach zuzubereiten und leicht verfügbar ist. Hinzu kommt, dass das Wissen über gesunde Ernährung steigt, aber die Kenntnisse über deren Zubereitung sinken. Deshalb muss die Vermittlung von Ernährungsinformation immer an deren praktische Umsetzung geknüpft sein, und genau dafür sind Schulen und in gewissem Umfang auch schon Kitas prädestiniert.

Was ist eigentlich gesundes Essen?

Wer sich gesund ernähren möchte, richtet sich am besten nach der Ernährungspyramide und den zehn Regeln der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Wichtig ist es, sich abwechslungsreich zu ernähren sowie pflanzliche Produkte zu bevorzugen. Wer darüber hinaus so oft wie möglich frische Lebensmittel selbst zubereitet, hat schon viel erreicht.

Zucker ist schädlich. Warum wollen wir so süß essen?

Die Geschmacksrichtung süß ist uns vom ersten Tag unseres Lebens an angenehm. Muttermilch schmeckt schon leicht süß. Außerdem galten in grauer Vorzeit süße Früchte als sicher, also nicht giftig. Süße Früchte sind auch heute nicht das Problem, sondern der viele zugesetzte Zucker.

Ist gesund immer gleich teuer?

Nein. Es ist durchaus möglich, sich mit einem schmalen Budget gesund zu ernähren. Alle Discounter bieten heute genügend frische Produkte, oft sogar in Bioqualität an. 

Gibt es Lebensmittel, die man komplett meiden sollte?

Nein, alles ist erlaubt. Wie Paracelsus schon wusste, die Dosis macht das Gift! 

Wie animiere ich Kinder zum guten Essen?

Vorbilder und nicht Vorschriften sind am überzeugendsten. Außerdem sollten die Kinder so oft wie möglich mit einkaufen, das Essen zubereiten und Neues ausprobieren.

Manchmal ist es einfach Fast-Food. 

Es darf auch mal Fastfood sein. Es gehört zum Lebensmittel­angebot in Deutschland. Aber es sollte im Rahmen der oben beschriebenen Gesamternährung sein und nicht die täglichen Mahlzeiten dominieren. In der Ernährungspyramide ist es ganz oben in der Spitze als Extra angesiedelt – also eher selten und in kleineren Mengen verzehren. 

Wie kommt gesundes Essen auch im stressigen Alltag nicht zu kurz?

Sicher ist das auch eine Frage der Prioritätensetzung: Wenn mir meine Ernährung wichtig ist, dann bin ich auch bereit, Zeit zu investieren. Und wenn ich eine Zeit lang eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung praktiziert habe, wird das auch Routine und kostet mich weniger Zeit. 

Man ist, was man isst. Ist da etwas dran? Lässt sich gute Laune essen?

Oh ja, da ist etwas Wahres dran. Sicher spielen auch noch andere Faktoren für unser „Sosein“ eine Rolle wie Bewegung, Entspannung und auch die Gene, aber Essen und Trinken haben große Bedeutung. Eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung versorgt uns mit genügend, aber nicht zu viel Energie. Außerdem bekommen wir alle Nährstoffe, die wir brauchen, um fit, fröhlich und leistungsfähig zu sein. Und nochmal ja, gute Laune lässt sich essen, jedenfalls ein Teil davon. Es gibt manche Lebensmittel, die die Serotoninausschüttung („Glückshormon“) im Gehirn begünstigen wie Vanille, Kakao, Nüsse oder Sojaprodukte. Der andere glücklich machende Teil von Essen und Trinken sind Mahlzeiten in entspannter lustiger Runde mit Freunden oder der Familie.

Interview Anja Jönsson

Manuela Marin, Diplom-Oecotrophologin, berät Erwachsene, Kinder sowie Schulen, Firmen etc. rund um Ernährung, Lebensmittel und Gesundheit. Weitere Informationen unter www.manuelamarin.de

31. Januar 2019

Winterkochkurs für Jungs im Meredo (Bild: Meredo)