Titelthema

Im Strandbad geht die Hoffnung baden

Initiative von Felix Schönebeck zur temporären Öffnung ist im Sande verlaufen

Von Bernd Karkossa

Der Parkplatz am Schwarzen Weg ist proppenvoll, der junge Mann im Fiat 500 setzt bei der Suche nach einem Stellplatz für seinen Kleinwagen zur dritten Runde an. Er will ans Wasser, wie viele andere an diesem heißen Sommertag auch. Es ist Dienstag, der 31. Juli, und die Meteorologen lagen ausnahmsweise mal zu 100 Prozent richtig mit ihrer Prognose. Es sollte der bisher heißeste Tag des Jahres 2018 werden – das Wetter hielt sich daran. Vielleicht ist die auch schon getätigte Prognose, wonach man auf eine Wiedereröffnung des Strandbades Tegel vielleicht noch länger warten muss, als dass vom BER endlich die ersten Flugzeuge abheben, genau so richtig.

In diesem Jahrhundertsommer wird es jedenfalls weder mit dem einen noch mit dem anderen etwas werden. Die Badegäste ziehen an diesem 31. Juli in Scharen am verrammelten Strandbad vorbei, die Völkerwanderung gleicht einer Prozession von Eichenspinnern, die ja ebenfalls bevorzugt im Sommer unterwegs sind. Das Ziel der Badewilligen ist der so genannte Arbeiterstrand gegenüber der Insel Scharfenberg, der vielleicht 200 Meter entfernt ist. Hier ist es voll wie am Ballermann auf Mallorca, eine Hälfte tollt im Wasser, die andere liegt im Sand. Biegt man um die Ecke, öffnet sich der Blick auf das berüchtigte Strandbad. Dort legt gerade ein Boot mit mehreren jungen Leuten an, ein Standup-Paddler legt ebenfalls für ein kleines Päuschen an. Vom Wasser kommt  man ran, vom Land nicht. Ansonsten aber ist tote Hose auf dem großen Areal, wo die Pflanzen nach Wasser dürsten und kurz vor dem Exitus stehen.


Die Initiative von Felix Schönebeck, der zumindest eine temporäre Öffnung des traditionsreichen Bades für den Rest des Sommers als öffentliche und nicht kostenpflichtige Badestelle ins Auge gefasst hatte, ist auch gestorben. In Manuel Antony und Friedrich Winter hatte er zwei Mitstreiter gefunden. Winter wollte über seine Firma W&W Mobile WC-Anlagen GmbH mobile Toiletten für diese Zeit aufstellen, Antonys Firma MAD Dienstleistungen die Reinigung und die Müllabfuhr erledigen – unentgeltlich, wohlgemerkt. 

Die am 20. Juli unter der Begleitung diverser Berliner Medien öffentlichkeitswirksam am Eingang des Strandbades abgestellten Toiletten sind längst wieder weg. „Das ist noch am gleichen Tag passiert“, sagt Felix Schönebeck, der Vorsitzende des Vereins „I love Tegel“ und für die CDU Mitglied in der Reinickendorfer Bezirksverordnetenversammlung. „Der Herr, der von den Berliner Bäderbetrieben vor Ort war, hat darauf bestanden, dass die mobilen Toiletten unverzüglich wieder entfernt werden.“

Die SPD Reinickendorf gab zur von Schönebeck initiierten Aktion eine wenig zielführende Pressemitteilung heraus, in der man den Schwarzen Peter dem ehemaligen Innensenator Frank Henkel zuschiebt, der „in der vergangenen Legislaturperiode viel Zeit vertrödelt“ habe. Seit 2016 aber ist Rot-Rot-Grün am Drücker, und während 2015 und 2016 nach einer vom Bundestags-
abgeordneten Frank Steffel, Bezirksbürgermeister Frank Balzer, dem Abgeordneten Tim-Christopher Zeelen, und dem damaligen CDU-Fraktionsvorsitzenden in der Bezirksverordnetenversammlung, Stephan Schmidt, ins Leben gerufene Online-Petition mit einer Ausnahmegenehmigung ein eingeschränkter Sommerbetrieb möglich wurde, blieb das Bad 2017 erstmals geschlossen.

Nun fordert die SPD Reinickendorf, „dass die Bäderbetriebe alles Notwendige dafür tun, um den Geschäftsbesorgungsvertrag mit der Berliner Immobilienmanagement GmbH, kurz BIM, zeitnah ohne weitere Verzögerungen zu einem positiven Abschluss bringen, damit das Strandbad Tegel möglichst bald wieder in Betrieb gehen kann und den Badegästen zur Verfügung steht.“ Jutta Küster, die stellvertretende Kreisvorsitzende, sagt weiter: „Ich freue mich über jede Initiative, die eine Eröffnung des Strandbades voranbringt. Ich habe allerdings erhebliche Zweifel, dass hierzu ein paar Toiletten und Papierkörbe ausreichen. Seriöse politische Initiativen sehen anders aus, als das, was ,I love Tegel‘ in Reinickendorf betreibt.“

Es ist und bleibt ein Trauerspiel. 1933 wurde das Strandbad nach der Aufschüttung eines Sandstrandes als eines der ältesten Freibäder Berlins eröffnet. Im Lauf der Jahre wurden Rutschen, eine Bade-Insel und ein Sprungturm mit Ein-Meter- und Drei-Meter-Plattformen errichtet. An Land gibt es einen Beachvolleyballplatz, Tischtennisplatten und einen Spielplatz mit Wippe und Klettergerüst, Strandkörbe, kalte Duschen, Toiletten, ein Imbiss und ein Restaurant. Seit 1996 wird es von den Berliner Bäderbetrieben verwaltet.


Schritt für Schritt zum Desaster


Der schleichende Niedergang begann. Erst fuhr kein Bus aus Tegel mehr, dann wurde der Parkplatz immer kleiner. Die Saison wurde auf zwölf Wochen im Jahr reduziert. Irgendwann schloss das Restaurant, dann der Kiosk. In die Sanitär-Bereiche wurde immer weniger investiert, und 2014 wurde dann auch der FKK-Bereich aufgegeben. Investoren, welche die Gastronomie instand setzen und den Betrieb übernehmen wollten, wurden abgewiesen. 2009 aber gab es doch einen Pächter. Der geriet wegen des maroden Zustands der sanitären Anlagen in einen Rechtsstreit mit den BBB – und verlor.

Erstmals blieb das Strandbad dann im Sommer 2010 wegen einer angeblich defekten Abwasserleitung geschlossen. Der Investitionsbedarf stieg immer weiter. War vor Jahren von 1,7 Millionen Euro die Rede, sind nun schon mehrere Millionen im Gespräch. Einen privaten Pächter zu finden, erweist sich so als zunehmend schwierig. Dabei stand das Bad schon vor sechs Jahren auf einer Sanierungsliste. Das Bad in Gropiusstadt, das Kombibad Spandau-Süd und die Schwimmhalle an der Thomas-Mann-Straße in Prenzlauer Berg wurden auch für viel Geld (die Rede war von mehr als 30 Millionen Euro) saniert. Für Tegel blieb nichts mehr übrig.

Nach einem Antrag der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus fassten im Vorjahr Senat und BBB den Beschluss, einen neuen Betreiber als Investor für die Instandsetzung des Bades finden zu wollen. Als Problem wurden nun allerdings die Abwasserrohre ausgemacht, die im Wasserschutzgebiet doppelwandig ausgeführt sein müssen. Seit Jahrzehnten aber sind diese nur einwandig. Nun nahm die nächste Posse ihren Lauf. Anstatt einem noch zu findenden Investor die Art und Weise der Sanierung zu überlassen, wurden die Rohre mit Beton verfüllt. Ein Witz, schließlich floss seit dem Herbst 2016 nichts mehr durch diese Rohre.

Schönebeck, der sich nach einem Treffen mit Bäder-Chef Andreas Scholz-Fleischmann noch zuversichtlich gezeigt hatte, ist längst wieder auf dem Boden der unerfreulichen Tatsachen. „Nach unserem Treffen haben wir uns mit den konkreten Plänen an die von den Bäder-Betrieben benannten Ansprechpartner bei der Senatsverwaltung für Umwelt gewandt. Beide waren weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar. Der erste zuständige Mitarbeiter verwies per Abwesenheitsnotiz auf einen anderen, dieser wiederum auf den ersten. Ein Musterbeispiel für Verwaltungspingpong", ärgert sich Schönebeck.

Das zuständige Referat für Gewässerschutz teilte nun mit: „Das Aufstellen von nachweislich dichten Toiletten-Containern in der Schutzzone III A des WW Tegel erscheint prinzipiell möglich.“ Genau dies wurde bisher jedoch immer konsequent abgelehnt. „Damit ist ein zentrales Gegenargument vom Tisch“, freut sich Schönebeck. Es konnte zu keinem Zeitpunkt nachvollziehbar erklärt werden, weshalb an zwei weiteren Badestellen im gleichen Wasserschutzgebiet Toiletten-Container stehen dürfen, auf dem Strandbadgelände aber nicht. Weiter heißt es in der Antwort der Umweltverwaltung: „Solange es nicht zu einer Änderung der für den Betrieb des Strandbads relevanten rechtlichen Grundlagen kommt, sind die BBB für das Gelände des Strandbads Tegel weiterhin verantwortlich". „Seltsam“, sagt Schönebeck, „die Bäder-Betriebe hatten beim Gespräch erklärt, dass ich mich an die Umweltverwaltung wenden solle, da man selbst nichts zu entscheiden habe.“

Eine schnelle Lösung und kurzfristige Öffnung wird so unmöglich gemacht. „Dass wir zwei Wochen nach der Vorstellung unserer Pläne noch immer auf der Stelle stehen und sich keinerlei Entgegenkommen der BBB oder des Senats abzeichnet, ist extrem ärgerlich. Aber wir machen weiter“, sagt Schönebeck. Gemeinsam mit Tim Christopher Zeelen will er nun einen Ideenwettbewerb starten, damit neben allen Bemühungen für eine kurzfristige Lösung auch die Zukunftsperspektive des Strandbads weiter vorangetrieben wird. Denn – in diesem Punkt ist man sich ausnahmsweise mit den Bäder-Betrieben einig – ein wirtschaftlicher Betrieb des Areals sei nur mithilfe veränderter Rahmenbedingungen und in Form eines ganzjährigen Konzeptes möglich. 


„Strandbad hat keine Lobby bei Rot-Rot-Grün“

CDU-Abgeordneter Zeelen bedauert auch die fehlende Bereitschaft bei den Berliner Bäderbetrieben

Tim Christopher Zeelen, MdA und Mitglied im Sportausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses, setzt sich seit Jahren für die Nutzung des  Strandbades in Tegel ein. 


Was persönlich verknüpfen Sie mit dem Strandbad Tegel?

Ich habe im Strandbad Tegel die schönsten Sommer meiner Kindheit verbracht. Vor allem für meine Eltern war es wichtig, dass an der Badestelle Rettungsschwimmer im Ernstfall sofort da sind, wenn wir Hilfe benötigen. Der saubere Sandstrand, die Rutsche und der Sprungturm waren die Höhepunkte meiner Sommerferien.


Wie sehr wurmt Sie diese leidige Geschichte?

Fassungslos schauen wir Reinickendorfer jetzt den zweiten Sommer in Folge auf das geschlossene Strandbad, dabei könnten die Bäder-Betriebe es mit ein bisschen gutem Willen umgehend öffnen. Wir wollten zur schnellen Öffnung des Bades temporär Toilettenhäuschen aufstellen, das haben SPD, Grüne, Linke und FDP im Abgeordnetenhaus abgelehnt. Es tut mir vor allem für die vielen Kinder in unserem Bezirk leid, die sich keinen Sommerurlaub an den Stränden in Spanien oder Italien leisten können. Gerade für diese Familien wäre die umgehende Öffnung des Strandbads Tegel wichtig gewesen.


Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für ein stetiges Herauszögern der notwendigen Sanierungsmaßnahmen?

Das Strandbad Tegel hat beim Rot-Rot-Grünen Senat keine Lobby und auch die Bäder-Betriebe wollen es nicht mehr betreiben. Die Kosten für die Sanierung werden Jahr für Jahr künstlich nach oben gerechnet. Derzeit sprechen die Bäder-Betriebe schon von 4 Millionen, waren es doch vor wenigen Jahren noch 1,2 Millionen. 2016 hat das Strandbad Tegel rund 70.000 Euro Verlust gemacht, zum Vergleich erhalten die Bäder-Betriebe im Jahr 2019 52 Millionen Euro vom Berliner Steuerzahler als Zuschuss für den Betrieb aller Bäder. In Tegel wurden die Öffnungszeiten auf die Schulsommerferien reduziert, und um 18 Uhr wurde das Bad geschlossen. Dazu gab es keine Busverbindung mehr, die Parkplätze wurden reduziert und das gastronomische Angebot eingestellt. Und trotzdem kamen an den heißen Tagen deutlich über 1.000 Badegäste.

Wer war oder ist für die Nichtdurchführung der erforderlichen Sanierungen verantwortlich ?

Die SPD-Mehrheit im Aufsichtsrat der Berliner Bäder Betriebe verhindert seit Jahren die notwendigen Investitionen ins Strandbad Tegel. Es ist uns nur mit sehr viel Mühe gelungen, in den Jahren 2014 bis 2016 durch einen Nachtragshaushalt die notwendigen Mittel für die Öffnung des Strandbades Tegel durchzusetzen. Berlin verzeichnet für das Jahr 2017 einen Haushaltsüberschuss von 2,1 Milliarden Euro, für die Sanierung und Inbetriebnahme von Tegel wäre ein Bruchteil davon notwendig.


Die Abflussrohre wurden zubetoniert – erschwert das die Suche nach einem neuen Investor?

Mir sagen Fachleute, dass von den Rohren überhaupt keine Gefahr ausging, weil sie nicht genutzt wurden. Hier hat man unnötig Fakten geschaffen und damit eine Sanierung des Strandbads deutlich erschwert. Es wird kaum gelingen, einen Pächter oder Investor zu finden, der erst einmal eine Millionen Euro in die Rohre investiert, bevor er die ersten Pommes verkauft hat.


Wie beurteilen Sie die Pläne, das Strandbad von einem privaten Pächter betreiben zu lassen?

Wie innovativ Pächter ein Strandbad betreiben können, kann man seit Jahren im Strandbad Lübars bestaunen. Man muss den Pächtern aber die Möglichkeit geben ganzjährig Geld zu verdienen. Wir können uns eine Verpachtung vorstellen, wenn die Bäder-Betriebe das Strandbad Tegel zunächst betriebsbereit herstellen. Eine ganzjährige Gastr­onomie, eine Tauchschule mit Sommercamp, ein Bootsverleih; Ideen für unser Strandbad gibt es genug. Es fehlt der politische Wille bei Rot-Rot-Grün.

7. August 2018

Foto: Bernd Karkossa