Freizeit

Kulturkirche am See

Lebendiger Ort der Begegnung

von Margrith Frei Krause

sflüglern schlendern auf dem Weg von den Eiscafés zum See mit seinen Ausflugsdampfern und dem kostenlosen Urlaubsgefühl an der Dorfkirche Alt-Tegel vorbei. Aus der geöffneten Bronzetür und den Fenstern des gut hundert Jahre alten mächtigen Kirchenbaus erklingt Gesang. Heute ist die Auftaktveranstaltung für das neue musikalische Projekt „vivo“ – Kulturkirche am See. 

Der evangelische Kirchenkreis Reinickendorf und die Kirchengemeinde Alt-Tegel haben es gemeinsam initiiert.

Ziel des Projektes ist es, vielen ganz unterschiedlichen Menschen die Gelegenheit zu geben, die Dorfkirche Alt-Tegel als lebendigen Kulturort zu entdecken. 

Touristen, Ausflügler und Menschen aus Reinickendorf sollen regelmäßig durch ein breit gefächertes Angebot den Weg in die Dorfkirche finden. Die Sitzbänke sind bereits alle besetzt, so dass die RAZ-Mitarbeiterin über die Treppe zur Empore über dem Kirchenschiff aufsteigt. Eine etwas andere Perspektive ist das, so schräg von oben aufs Geschehen zu blicken!

Gerade findet die Talk-Runde mit den Verantwortlichen statt. Es spricht der als Gast geladene Dr. Hinrich Lühmann – seit kurzem ehemaliger Vorsitzender der BVV Reinickendorf. Es geht um die Frage, welche Musik im Rahmen von „vivo“ erklingen soll. „Die Unterscheidung in U- und E-Musik ist sehr deutsch“, sagt Lühmann. Und fährt fort: „Alles, alles, sollte probiert werden! Das Wesen der Musik ist, uns aus der Alltagswelt heraus zu heben. Das und nichts mehr!“

Kurze Zeit später kündigt Moderatorin Ute Sauerbrey, Pfarrerin in Lübars, die Kantorei Alt-Tegel an. Der „Hauschor“ ist der erste von sechs Chören und Musikgruppen, die die Zuhörerschaft jeweils 20 Minuten lang erfreuen. Der folgende Chinesische Akademikerchor Berlin hält für unsere mitteleuropäischen Ohren die wohl exotischsten Lieder dieses Nachmittags bereit. Dann ist Mazeltov dran, was „viel Glück“ bedeutet auf Jiddisch. Mit zwei Klarinetten, einem Akkordeon, einem Kontrabass und zwei Trommeln spielen sie ostjüdische Hochzeitsmusik und verleiten das Publikum sogar zum Mitklatschen.

Die Embassy Singers, der Chor der britischen Botschaft, wählen Lieder mit dem Thema Wasser aus – passend zur Kirche am See! Das schottische Volkslied „Loch Lomond“ und das nord-englische „Blow the wind southerly“ zaubern ein Gänsehautgefühl herbei. Das Schlusslied war thematisch etwas weiter ausgelegt: „Which is the properest day to drink?", fragten sich die wunderbaren Stimmen. „Welchen Chor fandest du am besten?", fragt eine Frau ihre Begleiterin später am Ausgang. „Eindeutig die Embassy Singers!" Das musikalische Publikum bekommt nun auch Gelegenheit zum Mitsingen. Mit Bravour und Spaß meistert es unter der Leitung von Kantor Jörg Walter die Kanons. Sogar zwei übereinander gesungene Kanons füllen sechsstimmig das Kirchenschiff.

Es ist zu überlegen, ob solche Mitmachkonzerte regelmäßig im Rahmen von „vivo“ stattfinden könnten. Der Kantatenchor Frohnau trägt mit einer Dvorák-Messe eindeutig E-Musik vor. Variety schließt den Nachmittag mit traditionellen und modernen Gospeln.

8. Oktober 2018

Foto: Margrith Frei Krause