Titelthema

Abenteuer Schulweg kann beginnen

Erstklässlern droht die meiste Gefahr – Elterntaxis bedeuten keinen Spaß, sondern Stress

Von Anja Jönsson

Rund 30.000 ABC-Schützen werden am 10. August eingeschult. Am Montag darauf sind sie erstmals auf dem Weg zur Schule. Auf die Erstklässler kommt eine Menge Neues zu. Bevor es mit der Schule losgeht, muss aber erst einmal der Schulweg gemeistert werden. Und das ist gar nicht so leicht: Laut Unfallkasse Berlin hatten im Jahr 2017 rund 740 Grundschüler auf dem Schulweg einen Unfall. Das sind durchschnittlich fast vier Grundschüler pro Schultag. 

Nicht wenige Eltern im Bezirk versuchen, ihre Kinder vor den Gefahren des Verkehrs zu schützen und fahren sie mit dem Auto direkt vors Schultor. Die Folge: Vor den Grundschulen kommt es regelmäßig zu Verkehrsverstößen. 

Kurz nach den Sommerferien 2018 prangte vor der Victor-Gollancz-Grundschule in Frohnau im vergangenen Jahr ein selbstgefertigtes Halteverbot-Schild mit dem Zusatz „Für dumme Eltern“. Das rücksichtslose Autofahren und das unverfrorene Parken im absoluten Halteverbot vor der Schule hatten ein unbekannt gebliebenes Elternteil derartig auf die Palme gebracht, dass über Nacht das Schild aufgestellt wurde.

Es zeigte Wirkung: Kurz nach dem Aufstellen wurden deutlich weniger Verkehrsverstöße gezählt. 

Sind die Eltern nun „dumm“, übervorsichtig oder rücksichtslos? Wie auch immer man die Frage beantworten mag, Übereinstimmung gibt es bei der Aussage, dass sie dem Problem innewohnen: Eltern fürchten um die Schulwegsicherheit ihrer Kinder, gleichzeitig sorgt paradoxerweise ein Teil von ihnen, dass der Schulweg für Kinder gefährlich wird.„Dumme“ Mütter und Väter sollten neben möglicher Verkehrsverstöße und Verkehrsinfarkte aber auch im Hinterkopf behalten, dass das Kutschieren des Nachwuchses diesem auch aus anderen Gesichtspunkten schaden kann. Psychologen sind sich weitestgehend darüber einig, dass sich Kinder, die regelmäßig mit dem Auto gebracht werden, im Unterricht müde und passiv zeigen. Für das Sozialverhalten ist es ebenfalls vorteilhafter, wenn Kinder gemeinsam mit Freunden zur Schule laufen.

Über die Schulwege unserer Kinder müsse „neu nachgedacht werden“, fordert die schwedische Wissenschaftlerin Jessica Westmann von der Universität Karlstad in ihrer Dissertation zum Thema Sicherheit von Kindern im Auto. Für Schüler bedeuteten die Elterntaxis nicht Spaß, sondern Stress. 

Westmann berichtet jedoch auch, dass gerade jüngere Kinder zwischen sechs und neun Jahren teilweise schwierige Verkehrssituationen noch nicht richtig einschätzen können und daher ein höheres Risiko haben, in einen Unfall zu geraten.

Gabi Jung leitet beim Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Berlin das Projekt „Zu Fuß zur Schule und zur Kita“. Es unterstützt das ganze Jahr über Berliner Schulen bei der Durchführung von verschiedenen Aktionen. Teilnehmende Schulen bekommen Mobilitätsberatung vom BUND und Materialpakete, in denen beispielsweise große „Zu Fuß zur Schule“-Transparente zum Bemalen drin sind. „Ziel unserer Aktion ist, die selbstständige, sichere und umweltfreundliche Mobilität von Kindern zu fördern. Eltern zu informieren und zu überzeugen, ihre Kinder nicht so viel mit dem Auto durch die Gegend zu fahren“, erklärt Jung und ergänzt „Reinickendorf führt übrigens jedes Jahr zwischen den Sommer- und den Herbstferien eine dreitägige zentrale Veranstaltung für Schulanfänger unter dem Motto ,zu Fuß zur Schule‘ durch, die wir mit unterstützen. Es gibt mehrere Mitmach-Stationen. Und die Schulwegpläne werden überreicht.“

Schulwegpläne bieten Erstklässlern und deren Eltern eine erste Orientierung für den künftigen Schulweg und informieren über vom Straßenverkehr ausgehende Gefährdungen. Auf Initiative der Berliner Aktionsgemeinschaft „Verkehrssicherheit für Schulkinder“ von der Landesverkehrswacht Berlin e.V. und der Senatsschulverwaltung sind die Schulwegpläne von der CÖGA mbH (Gesellschaft für Arbeitsförderung in Köpenick mbH) erarbeitet worden. 

Über den Link www.schulwegplaene-berlin.de lässt sich jeder Bezirk anklicken und von dort gelangt man zu jeder dort befindlichen Grundschule. Ein Klick auf die Schule, und schon öffnet sich eine Straßenkarte, anhand derer der sicherste Schulweg vorab geplant werden kann.

„Bereits so früh wie möglich sollten Eltern ihre Kinder auf die eigenständige Mobilität vorbereiten. Anfangs natürlich in begleitender Funktion. Alltägliche Wege können gemeinsam zu Fuß erledigt werden, Entscheidungen im Straßenverkehr sollten mit zunehmendem Alter allein von den Kindern getroffen werden“, das rät auch Thilo Cablitz, Sprecher bei der Polizei Berlin, auf die Frage, wie Kinder auf ihren Schulweg gut vorbereitet werden können und führt aus „Gefahrensituationen sollten visuell von den Kindern aufgenommen und Handlungsalternativen mit ihnen besprochen werden. Der Schulweg sollte mehrfach mit dem Kind abgelaufen werden.“

In Reinickendorf gibt es seit Jahren die Schulungsaktion „Sicherer Schulweg“. In den Jugendverkehrsschulen Aroser Allee und Senftenberger Ring können Mädchen und Jungen, die nach den Sommerferien eingeschult werden, das sichere Verhalten im Straßenverkehr spielerisch üben.. „Die Resonanz ist dabei immer groß. In diesem Jahr nahmen knapp 250 Kinder aus 13 Reinickendorfer Kitas an der dreitägigen Aktion teil, bei der es darum geht, spielerisch das sichere Verhalten im Straßenverkehr zu üben“, sagt Bezirksstadtrat Tobias Dollase.

Die Kleinen für den Verkehr fit zu machen, ist unerlässlich, denn Kinder sind die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Das waren sie schon immer. Dennoch machten sich in den 1970er Jahren zirka 90 Prozent der Grundschüler allein auf den Schulweg. 2012 waren es 50 Prozent, und 2016 waren es nach einer Forsa-Umfrage nur noch 37 Prozent, also rund jedes dritte Grundschulkind. Was sind die Gründe für diesen Trend?

Für manch einen Elternteil mag es praktische Gründe geben, wie das Kind auf dem Weg zur Arbeit an der Schule vorbeizufahren. Andere befürchten, es bewältigt die Verkehrssituationen noch nicht, und einige Mütter und Väter haben Ängste vor Belästigungen oder Bedrohungen. Dass die Schulwege sicher werden müssen, darüber herrscht Einigkeit. Nicht aber darüber, wie das zu bewerkstelligen ist.

Drei-Punkte-Plan der SPD Heiligensee

Anfang des Jahres hatte die SPD Heiligensee, Konradshöhe, Tegelort unter dem Motto „Sichere Schulwege – was müssen wir tun?“ zur öffentlichen Diskussion geladen. Marco Käber (Vorsitzender der Reinickendorfer SPD-Fraktion und verkehrspolitischer Sprecher) erläuterte das Ersuchen seiner Fraktion „Neue Konzepte für den Schulweg an Grundschulen“, welches zu einem BVV-Beschluss führte. Im Wesentlichen fordert die SPD drei Punkte. „Das Bezirksamt soll die Situation vor den Schulen auf mögliche Änderungen beim Verkehrsfluss prüfen. An den Schulen soll die Aufklärungsarbeit intensiviert werden“, teilte Käber gegenüber der RAZ mit. „Dazu gibt es verschiedene Vorschläge – beispielsweise die Einrichtung von Kiss- and Good-bye-Areas und erzieherische Projekte wie gemeinsames Zur-Schule-Gehen oder etwa ein Walking-Bus-Projekt.“ Als Problem sieht Käber, dass die einzelnen Schulen zu gemeinsamen Projekten angestiftet werden müssten. „Es scheint uns derzeit zweifelhaft, ob die Schulabteilung im Bezirk diesen Dialog wirklich führt oder führen will. Es hilft nichts, die Verantwortung auf die Senatsschulverwaltung oder Landesorganisationen – wie die Verkehrswacht – abzuschieben, weil diese die Situation vor Ort nicht kennen und nicht mit Volldampf nur Reinickendorfer Schulen bearbeiten können“ sagt Käber.

Eine stärkere Zusammenarbeit von Eltern und Schulen befürwortet dagegen Bezirksstadtrat Tobias Dollase. „Was die Entwicklung von individuellen Konzepten zur Verkehrserziehung betrifft, macht es keinen Sinn, dass das Bezirksamt hier Vorgaben macht. Vielmehr stehen wir jederzeit den Schulen beratend zur Seite. Individuelle Lösungen sollten die Schulen gemeinsam mit den Eltern entwickeln. Es ist wichtig, sich dabei die Infrastruktur im Umfeld der Schulen anzusehen und über effektive Maßnahmen der Verkehrsüberwachung vor Ort individuell zu beraten“, teilte er der RAZ mit.

Harald Voß, Vorsitzender des Bezirkselternausschusses der Schulen in Reinickendorf setzt auf das geplante Berliner Mobilitätsgesetz, welches im Februar 2020 in Kraft treten soll. „Es gibt in der Frage der Schulwegsicherheit nicht die eine Lösung, sondern an jeder Schule herrschen andere Voraussetzungen. Deshalb setzen wir große Hoffnungen in die neu zu schaffenden Gremien für Mobilität [wie sie im Referentenentwurf zur Förderung des Fußverkehrs im Berliner Mobilitätsgesetz geplant sind]. Sie ermöglichen, die Initiative für Verbesserungen der Schulwegsicherheit im Einzelfall an die jeweilige Schule zu holen. Vor Ort kann man am besten beurteilen, welche Maßnahme am ehesten geeignet ist, die Schulwegsicherheit zu erhöhen. Ob die Lösung nun Elternhaltestelle, Schulwegpaten, Laufbus heißt – oder einfach nur zusätzliche Dialogdisplays oder eine veränderte Straßenführung zu einer Verkehrsberuhigung beitragen können, lässt sich am besten mit den Betroffenen direkt ermitteln,“ so Voß gegenüber der RAZ.

Verkehrserziehung auf der Rückbank geht nicht

In einer Stadt wie Berlin sollte es möglich sein, dass Schüler ab einem bestimmten Alter den Schulweg allein bewältigen. Ein gut funktionierender ÖPNV ist eine zentrale Voraussetzung. Auch mehr bauliche oder verkehrliche Maßnahmen sorgen für mehr Sicherheit. 

Der 22. September ist der offizielle „Zu Fuß zur Schule-Tag!“ Die vom BUND geförderten Aktionstage richten sich gezielt an Grundschulen und Kindergärten und finden vom 16. bis zum 27. September statt. Gabi Jung vom BUND wünscht sich ein Gesamtkonzept zur Förderung nachhaltiger Mobilität. Verkehrserziehung müsse kontinuierlich in den Unterricht einfließen. Aber Verkehrserziehung beginnt zu Hause. Kinder müssen in den Straßenverkehr hineinwachsen und lernen, Gefahren richtig einzuschätzen und selbstständig zu sein. Von der Rückbank des Autos gelingt ihnen das nicht.


8. August 2019