Titelthema

Weihnachten allein zu Haus?!

Es gibt Möglichkeiten im Bezirk, das Beste aus den Festtagen zu machen

Von Anja Jönsson

Vor drei Jahren rührte der Edeka-Werbespot um den einsamen Opa zu Weihnachten die Zuschauer. Hundertausende von Likes bei Facebook und über eine halbe Millionen Mal wurde der Clip bei YouTube angeklickt. Der Spot ging zu Herzen. Die Netzgemeinde war gerührt. Die Story: Ein einsamer Großvater täuscht seinen Tod vor, um Kinder und Enkel zu Weihnachten nach Hause zu locken. Opas Plan ging auf – im Clip. Und die Werbeagentur Jung von Matt hatte einen großen Coup gelandet. Die Kritik, die Idee des Clips sei eher geschmacklos, gab es zwar auch, die Mehrheit – zumindest die in den sozialen Medien – war der Ansicht, der Clip und seine Story seien anrührend. Die Botschaft sei angekommen: Zum Fest der Liebe ginge es darum, seine Lieben – sprich seine Angehörigen – nicht zu vergessen. Was aber, wenn gar keine Lieben da sind, man zerstritten ist, oder man sich als Single nicht der heimelig romantischen Atmosphäre des Festes aussetzen möchte. Die Gründe für ein Weihnachten, welches man allein verbringt, können sehr unterschiedlich sein.

Miriam S. ist 48 Jahre alt und lebt in Tegel in einer schönen Altbauwohnung. Sie ist Lehrerin an einer Sekundarschule in Kreuzberg, unterrichtet Biologie und Englisch, freut sich auf die bald beginnenden Ferien und auch auf Weihnachten – und zwar allein. „Ich werde jetzt das zweite Jahr Weihnachten nicht mit der Familie oder Freunden verbringen. Meine Schwester ist verheiratet, meine Eltern sind schon lange geschieden und haben neue Partner. Seit ein paar Jahren bin ich Single, und ich habe mich bewusst ausgeklinkt. Letztes Jahr habe ich die Festtage in der Nähe von Potsdam in einem Wellness-Hotel verbracht. Ich habe mir selbst ein paar sehr schöne ruhige Tage geschenkt. Ich hoffe, es wird in diesem Jahr wieder so entspannend.“ Miriam hat schon im Sommer wieder das gleiche Hotel gebucht. „Weihnachten ohne große Erwartungen, Enttäuschungen  und ohne Streit. Aber im Januar ist großes Familienfest, da sehe ich meine Schwester, Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins mit Nachwuchs, das macht dann Spaß.“

Wer so entspannt an die Planung geht, die Weihnachtstage allein zu verbringen, ist klar im Vorteil. Man entgeht Streitigkeiten und überfordernden Erwartungen von Eintracht und Harmonie. Dafür muss man auch gar kein Wellness-Hotel buchen. In den eigenen vier Wänden kann man es sich schön machen – mit gutem Essen, dem Weihnachtsfernsehprogramm, seinen Lieblings-DVDs oder guten Büchern.

Es hilft schon, sich zu vergegenwärtigen, dass man gar nicht so allein ist. Vielen Menschen geht es ähnlich. Berlin bietet Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen an den Festtagen allein sind, Möglichkeiten dem Alleinsein zu entkommen.

Festliche Gala

Bei der„Heiligabend Gala“ in den Tegeler Seeterrassen zum Beispiel können Alleinstehende den Weihnachtsabend in Gemeinschaft verbringen. Seit über 20 Jahren gibt es die Gala bereits. Begründet hat sie der Pastor Werner Nachtigal. Mit seiner Frau und seinen mittlerweile erwachsenen drei Kindern sorgt er dafür, dass Alleinstehende einen schönen Heiligabend verleben. Organisiert wird die festliche Gala für Menschen, die sonst niemanden zum Feiern haben und alleine zu Hause sitzen würden. Alleinerziehende Mütter und Väter, Geschäftsleute, die allein in der Stadt sind, oder Menschen, die sich kurz vor dem Fest von ihrem Partner getrennt haben.

Die Idee zu einer solchen Veranstaltung kam den Nachtigals vor über 20 Jahren, als sie im Radio in einem Interview hörten, wie hoch die Verzweiflung alleinlebender Menschen gerade zu den Festtagen ist.

Anfangs wurden dafür Räumlichkeiten angemietet, dann wurde eine Kirche am Südstern gefunden, viele Jahre fand die Gala im Interconti statt. Seit mehreren Jahren wird die Veranstaltung in Tegel gefeiert. Die Atmosphäre und der Rahmen sind stilvoll. Die Tische werden elegant eingedeckt, gute Musik wird gespielt, es kann getanzt werden. Verpflichtend ist eine vorherige Anmeldung und wichtig: Einlass ist nur in festlicher Garderobe möglich. Die Räumlichkeiten sind liebevoll geschmückt und für gutes Essen ist gesorgt, nur für die Getränke muss jeder Gast selbst aufkommen. Geschäftsleute wie Restaurant- und Fleischereibetreiber finanzieren die Gala mit Spenden. Die Familie Nachtigal und viele Ehrenamtliche helfen beim Service, Schmücken, Musizieren und der gesamten Organisation im Vorfeld wie auch im Nachgang. „Eine rechtzeitige Anmeldung, zirka drei Tage vorher, wäre gut. Aber wir wollen eigentlich jeden mitnehmen, der kommen möchte,“ erklärt Bastian Decker, Mitarbeiter der Heiligabendgala und Pastor bei no limit e.V. Erwartet werden 250 bis 300 Menschen, und 30 bis 40 ehrenamtliche Helfer werden für einen feierlichen Abend sorgen.

Freunde alter Menschen

Wer nicht mehr so mobil ist, scheut unter Umständen eine größere Gala, bei der auch getanzt werden kann. Gerade für ältere Menschen kann die Weihnachtszeit traurig werden, wenn sie allein leben und nicht mehr so beweglich sind. Der Verein Freunde alter Menschen hat in Berlin mehrere Treffpunkte. Neben Standorten in Mariendorf und Kreuzberg befindet sich in Reinickendorf in der Scharnweberstraße 53 ein Nachbarschaftstreffpunkt. Neben Beratungsangeboten finden dort regelmäßig Kaffeenachmittage und Spielrunden statt. Und im Dezember werden traditionell die Adventscafés organisiert. Und am 24. Dezember? An dem Tag stehen die alten Freunde auch nicht vor verschlossenen Türen. Freiwillige Helfer sorgen für einen schönen Heiligabend (siehe Interview).

Hotlines bei Einsamkeit

Aber was tun, wenn man glaubt, die Weihnachtstage seien unendlich, und einen der Weihnachtblues voll erwischt? Einsamkeit, Beziehungsstress, familiäre Konflikte, Trauer, soziale Isolation, Ängste oder Verzweiflung sind Kehrseiten der festlichen Stimmung. Der Berliner Krisendienst bietet Beratung und Unterstützung bei seelischen Krisen. Täglich können sich Hilfesuchende an allen Tagen im Jahr – auch zu den Feiertagen – telefonisch oder persönlich an den Berliner Krisendienst wenden. Der Standort in Reinickendorf ist in der Berliner Straße 25 in Tegel, die Rufnummer lautet 390 63 – 50. Auch die Telefonseelsorge kann als Rettungsanker an Weihnachten dienen. Das Krisentelefon 0800 111 0 111 ist rund um die Uhr erreichbar.

Silbernetz, die Hotline für Senioren, ist mit dem Silbertelefon unter der Rufnummer 0800 4 70 80 90 seit dem 24. September täglich von 8-20 Uhr erreichbar. „Spätestens ab dem 24. Dezember wollen wir unseren Dienst auf 24 Stunden an allen Tagen der Woche ausweiten. Ich denke, in diesem Jahr werden es zu Weihnachten wesentlich mehr Anrufe werden als beim Testlauf 2017. Vergangenes Weihnachten hatten wir für acht Tage vom 24. Dezember bis 1. Januar die Rufnummer im Testlauf frei geschaltet und hatten in dieser Zeit gut 280 Anrufe“, erläutert Elke Schilling, Initiatorin und Vorsitzende von Silbernetz e.V.

„Willkommen zu Hause“

Wenn auch nicht rund um die Uhr, aber zuverlässig öffnet Norbert Raeder zu Weihnachten ebenfalls wieder die Türen seines Kastanienwäldchens. Raeder liebt das Fest mit allem, was dazu gehört. Ihn schmerzt, wenn Menschen das Fest nicht feiern können, sei es aus Einsamkeit, oder weil schlichtweg die Mittel fehlen. „Das Kastanienwäldchen wirbt mit den Worten „Willkommen zu Hause“, das Zuhause kann ich am Heiligabend doch nicht abschließen“. Um 20 Uhr geht es los. Raeder zur Seite stehen seine acht Mitarbeiter, die ganz selbstverständlich mithelfen. „Weihnachten bin ich hier, das ist hier doch Zuhause“, stellt Dennis, langjähriger Mitarbeiter im Kastanienwäldchen, ganz klar fest. Und wer kommt? Von 18 bis 80 Jahren ist alles dabei. Auch die soziale Mischung ist bunt. Vom Zahnarzt bis zum Obdachlosen ist jeder dabei. Traditionell gibt es Kartoffelsalat mit Würstchen, und die Gäste könne sich über die bunten Teller freuen. Bei fröhlicher Weihnachtsmusik wird es besinnlich. Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht hineintrauen. „Manchmal wollen sich Obdachlose nicht zu den anderen gesellen, weil ihnen die engere Gesellschaft aus unterschiedlichen Gründen nicht behagt,“ sagt Raeder, er möchte aber auch in diesen Fällen geben. „Wir stellen zu Weihnachten Heizstrahler auf und bringen ihnen Getränke und Suppe nach draußen. Jeder ist bei uns willkommen,“ fasst Raeder zusammen, „kommt einfach vorbei.“ Wer knapp bei Kasse ist, braucht sich keine Gedanken zu machen, wer nicht zahlen kann und bedürftig ist, wird gerne eingeladen.

Ist die Zeit etwas fortgeschritten, gleitet der Abend fließend in einen weihnachtlichen Tanzabend über. Gegen drei Uhr in der Frühe klingt der Heiligabend in der Residenzstraße aus. Und am 25. Dezember, ist dann Ruhetag und geschlossen? Nein keineswegs, es geht mit dem weihnachtlichen Livemusikabend weiter! Also: Fröhliche Weihnachten!

6. Dezember 2018

Die alten Freund am Heiligabend im vergangenen Jahr (Foto: FAMEV)

Das Kastanienwäldchen funkelt im Dezember (Foto: privat)