Titelthema

Buckelpisten und Hindernisparcours

Die Radwege in Reinickendorf sind in einem „nicht zufriedenstellenden Zustand“

von Anja Jönsson

Radfahren ist umweltfreundlich – und gesund. An sich. In Berlin ist es auch lebensgefährlich. Die traurige Statistik zeigt es. Zehn tödliche Fahrradunfälle sind seit Anfang des Jahres zu beklagen. Was besonders betroffen macht: Darunter sind ein 13-jähriges Mädchen und ein achtjähriger Junge. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres registrierte die Polizei knapp 100 schwer und rund 600 leicht verletzte Radfahrer. Fazit: Radfahrer leben in Berlin gefährlich – wie in anderen deutschen Großstädten auch. Geringe Investitionen in die Infrastruktur des Radverkehrs sind dafür eine Ursache. Greenpeace hat in einer jetzt veröffentlichen Studie die Knauserigkeit der Städte gerügt. Zwischen 2,30 Euro und fünf Euro pro Einwohner und Jahr geben die sechs größten Städte in Deutschland aus (Berlin 4,70 Euro). Zum Vergleich: In Kopenhagen sind es 35,60 Euro. 

Zur Verbesserung der Fahrrad-Infrastruktur sind in den Berliner Bezirken vor einigen Jahren Gremien gegründet worden, die sich aus Umwelt-Verbänden, Parteivertretern und Bezirksamt-Mitarbeitern zusammensetzen. Elf Berliner Bezirke haben einen ”FahrRat“, Reinickendorf hat ihn im letzten Jahr abgeschafft und durch den Mobilitätsrat ersetzt. Das sorgte für Kritik. Katrin Schultze-Berndt, zuständige Bezirksstadträtin, verteidigte 2017 diesen Schritt, da ein zentrales Thema des Mobilitätsrates sei, die Interessen aller Verkehrsteilnehmer im Bezirk auszugleichen – dafür wolle sie sich mit engagierten Mitarbeitern einsetzen. So richtig rund läuft es bisher aber nicht. Im Gespräch mit der RAZ beklagte die Bezirksstadträtin kürzlich, dass die Ausschreibung für zwei Bezirksingenieure – mit dem Schwerpunkt Radweg – nach wie vor liefe. Bereits ein fünfter Anlauf sei im Gange. Bewerber hätte es  gegeben; diese seien aber dann doch wieder abgesprungen.

Das Thema Radfahren beschäftigt alle Bezirke. Anfang August nahm die zuständige Senatsverwaltung Stellung zur Anfrage des Abgeordneten Fréderic Verrycken (SPD) zum Thema Radwege in Berlin. 

Auf die Nachfrage, wie der Senat und die Bezirke den Zustand der Radwege bewerte, erfolgte die für Reinickendorf deutliche Antwort, dass die baulich vorhandenen Radwege zum großen Teil nicht den derzeit gültigen technischen Vorschriften entsprechen und sich teilweise in einem nicht zufrieden stellenden Zustand befänden. 


Fehlender
technischer Standard

Reichen die vorhandenen Mittel und das Personal für eine adäquate Schadensfeststellung und Behebung auf den vorhandenen Radwegen Berlins? Dies wurde in der Stellungnahme für  Reinickendorf ernüchternd beantwortet: „Die finanziellen Mittel des Bezirkes, hier der Titel für die Unterhaltung des öffentlichen Straßenlandes, reichen lediglich für die Beseitigung von Gefahrenstellen. Eine grundhafte Instandsetzung ist hiermit nicht möglich. Finanzielle Mittel der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz werden nur bewilligt, wenn die Radwege den geltenden technischen Standards entsprechen. Da aber die meisten Radwege unterdimensioniert sind, erfolgt keine Finanzierung.“ 

Jens Augner, verkehrspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grüne in Reinickendorf, bemängelt die Verkehrs-politik im Bezirk. „Während der Senat den Radverkehr im Rahmen der Stärkung des Umweltverbundes deutlich ausbaut, passiert in Reinickendorf leider gar nichts. Das Bezirksamt hat offensichtlich kein Interesse daran, den Radverkehr in Reinickendorf zu fördern, wie die Abschaffung des FahrRates und des Fahrradbeauftragten, aber auch die zurückhaltende Beteiligung an Senatsförderprogrammen zeigen. Dabei hat der Bezirk einen massiven Nachholbedarf. Die bestehende Radverkehrsinfrastruktur wird dem sich wandelnden Mobilitätsverhalten in Berlin und auch in Reinickendorf in keiner Weise gerecht. Zum Glück wird der Senat in den Bereichen, für die er zuständig ist, also vor allem bei den Radverkehrs-anlagen an Hauptstraßen, Verbesserungen schaffen. Nichtsdestotrotz werden wir das Bezirksamt immer wieder und weiter drängen, endlich das Radroutennetz zu verbessern und auszubauen.“


Radfahren hat keinen hohen Stellenwert im Bezirk 

Im Gespräch mit Carsten Schulz, Tourenleiter und Sprecher der Ortsteilgruppe Reinickendorf beim ADFC

Was sind die größten Gefahrenpunkte für Radler im Bezirk?

Im Bezirksamt Reinickendorf wird Radfahren als Freizeitsport und nicht als Verkehrsmittel angesehen, dementsprechend wird auch nicht in die Radverkehrsinfrastruktur investiert. Radwege sind in einem Zustand, der eigentlich unbenutzbar ist, wie Abschnitte der Berliner Straße in Hermsdorf, den Hermsdorfer Damm im Bereich Autobahnauffahrt, Abschnitte in der Roedernallee. Da gibt es dann eher Schilder „Radwegschäden“, als dass eine Ausbesserung stattfindet.


Welche Maßnahmen wären momentan dringend nötig?

Die Beseitigung der Schäden auf den bestehenden Radwegen wäre schon aus Gründen der Gefahrenabwehr notwendig. Die Kreuzungen der Hauptstraßen müssen überprüft werden, und wo kurzfristig Umbauten nicht zu erreichen sind, müssen die Kreuzungen sinnvoll ergänzt werden, damit sie sicherer werden. In der Oranienburger Straße findet derzeit ein Umbau statt zwischen Techowpromenade und Wittenauer Straße. Aber wie steht es um die Weiterführung? Nach Süden müsste der Anschluss in gleicher Qualität bis zum Kurt-Schumacher-Platz, nach Norden zumindest bis zum Zabel-Krüger-Damm erfolgen. Vor allem aber müsste durchgängig geplant werden: Immer wenn der Senat mit Geld winkt, hat Reinickendorf keine Baupläne zur Umsetzung einzureichen.


Was ist in jüngster Vergangenheit passiert, um die Radverkehrsinfrastruktur im Bezirk zu verbessern?

Die letzten größeren Investitionen gingen in Radbügel und Wanderwege. Vor zwei Jahren gab es ein Stück neuen Radweg, der an der Holzhauser Straße endet. Seit einigen Tagen wird in der Ollenhauerstraße „gegenüber Kaufland“ offenbar doch gebaut: Die Abstimmung hierzu war vor drei Jahren beendet. Ansonsten passiert erkennbar wenig: Die Erneuerung des „Reinickendorf-Netzes“, die lokale Verbindung der Zentren im Bezirk, kommt nur schleppend voran. Die sinnvolle Verlängerung von Frohnau nach Hohen-Neuendorf, parallel zur B96, beispielsweise wird schon seit den 1990er Jahren besprochen, aber wohl nicht ernsthaft verfolgt.


Ist Reinickendorf im Vergleich anderer Berliner Bezirke „radlerfreundlich“?

Mich erreichen Anrufe, „warum in Reinickendorf nichts für den Radverkehr getan wird“, Freunde fahren lieber „einen großen Bogen über Pankow und Mitte bis nach Steglitz“, als dass sie „durch Reinickendorf und Wedding“ fahren, und ein Reinickendorfer sagte mir heute: Ich fahre einmal in der Woche von Reinickendorf nach Prenzlauer Berg, das sind ganz andere Welten.


Welcher Radweg in Reinickendorf ist vorbildlich? 

Eine wirklich vorbildliche Radverkehrsanlage fällt mir nicht ein. Ich empfehle, auf Wanderwege auszuweichen, die sind fast immer legal für Radfahrer zu nutzen. 


Und welcher Weg „geht gar nicht“?

Es ist eine Schande, wie Reinickendorf mit „seinem“ Teil des Mauerradweges umgeht. In einigen Teilen ist er von der Wegequalität unzumutbar. Der Weg hat ein ungeheures Potential: Er ist nicht nur touristisch ein Highlight, sondern er ist auch in vielen Abschnitten straßenunabhängig.

11. September 2018

Foto: Bernd Karkossa