Panorama

Der letzte Kommandant in der Invalidensiedlung

Historisches - Oberst Wilhelm Staehle, Kommandant in der Invalidensiedlung und Widerstandskämpfer

Von Anja Jönsson

Die letzte Station des 125er ist die Invalidensiedlung. Am Pilz in Frohnau biegt der Bus der BVG von der Zeltinger Straße kommend links auf die B96 Richtung Oranienburg, fährt eine ganze Weile durch den Wald, um dann wieder links in den Staehleweg abzubiegen. Dieser führt direkt zur Invalidensiedlung.

Die Invalidensiedlung in Frohnau setzt die Tradition des preußischen Königs Friedrich II. fort. Friedrich der Große ließ 1748 das Berliner Invalidenhaus an der heutigen Scharnhorststraße in Berlin-Mitte errichten. Es war zur Selbstversorgung der invaliden Soldaten angelegt worden. Der Einrichtung wurden staatliche Hilfen gewährt, der König selbst hatte eine wirtschaftliche Anleitung dazu gefasst. 1937 beanspruchte Hermann Göring, Chef der Luftwaffe, das Gelände für sich. Es wurde ein neuer Standort für die Kriegsversehrten gesucht. Die Fürst-Donnersmarck-Stiftung in Frohnau rückte ins Visier. Deren konservative Haltung der Stiftung missfiel den NS-Oberen und eine Enteignung drohte, wurde aber dadurch abgewendet, dass die Stiftung einen Teil ihres waldreichen Geländes an das Reichskriegsministerium abtrat. Dieses übereignete das Areal an die „Stiftung Invalidenhaus“.

Die Häuser der hufeisenförmigen Anlage wurden in massivem Backstein errichtet und schon 1938 fertiggestellt. Die Siedlung bestand aus 48 Mehrfamilienhäusern, dem Gemeinschaftshaus, einigen Zweckbauten und dem Einfamilienhaus für den Kommandanten.

Die Invalidensiedlung diente als Unterschlupf 

Der letzte Kommandant des Hauses 42 war Wilhelm Staehle. 1877 wurde er in Bentheim geboren. Sein Vater war Offizier, seine Mutter Niederländerin. Auch Wilhelm schlug die Offizierslaufbahn ein: 1916 erfolgte seine Versetzung zum preußischen Generalstab nach Berlin. 1928 mit 51 Jahren heiratete er die geschiedene Hildegard Stille und musste des strengen Ehrenkodex der Reichswehr wegen aus dem aktiven Dienst der Reichswehr ausscheiden. Von 1935 bis 1937 war er nun in der Versorgungsabteilung des Wehrmachtsamtes tätig.

Wie seine Frau Hildegard gehörte Staehle dem Widerstand an. Die abgeschiedene Lage der Siedlung mitten im Wald am Rande von Berlin brachte die Vorteile mit sich, dass die Eheleute verfolgten Menschen besser helfen konnten. Jüdische Mitbürgern, politisch Verfolgten und Zwangsarbeitern gewährten sie in der Invalidensiedlung heimlich Unterschlupf, bis bessere Verstecke gefunden werden konnten. Zudem gab Staehle seine Stellung als Kommandant die Möglichkeit zu erweiterten Dienstreisen, auf denen er seine Kontakte zum Widerstand intensivieren konnte.

Bereits 1937 hatte Wilhelm Staehle Verbindung mit Carl Goerdeler aufgenommen. Der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister war die leitende Person des zivilen Widerstandes. Mehrmals war Goerdeler bei Wilhelm und Hildegard in der Invalidensiedlung zu Gast wie auch andere Vertreter des zivilen oder militärischen Widerstands – darunter auch Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der spätere Hitler-Attentäter im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze. 

Die Gestapo hatte ihre Augen und Ohren aber überall. Auch Wilhem Staehle geriet in ihr Visier. Noch vor dem 20 Juli, am 12. Juni 1944, wurde er verhaftet, kam in das Zellengefängnis in der Lehrter Straße und erlitt die Brutalität des Systems: Einzelhaft, Misshandlungen und Folter. Gegen Ende des Krieges, in der Nacht zum 23. April 1945, wurde Wilhem Staehle mit anderen Gefangenen, darunter Klaus Boenhoeffer und Albrecht  Haushofer, von einem SS-Kommando erschossen.

Hildegard Staehle überlebte den Krieg und setzte ihre Hilfeleistung für Verfolgte und Geflohene fort. Sie starb jedoch Ende 1945 an den Folgen eines Autounfalls. Sie erhielt ein Staatsbegräbnis. 

3. August 2018

Foto LAGeSo