Panorama

Tickets und Wechselgeld liegen in der Holzkiste

Bei Stau auf der A 100 nutzen manche die Autofähre zwischen Tegelort und Spandau-Hakenfelde

Von Daniele Schütz-Diener

Tegelort – Nicht jeder möchte über die Havel schwimmen, um von Tegelort in den Nachbarbezirk Spandau-Hakenfelde zu gelangen. Darum gibt es die Hol-Über III, Berlins einzige private Autofähre, die seit 57 Jahren von der Familie Burchardi als Familienbetrieb in dritter Generation zuverlässig 365 Tage im Pendelverkehr betrieben wird. Im Interview mit der RAZ berichtet der 82-jährige Wolfgang Burchardi.

Wie kam es dazu, dass die Familie Burchardi die Fähre betreibt?

Mein Vater Fritz wurde mit seiner Familie 1947 aus Preußen vertrieben. Da er als Schiffer tätig war, bewarb er sich 1961 mit seinem Schifferfreund Karl Kittel beim Land Berlin um die Fährrechte. 1965 kaufte er dann auch noch eine Personenfähre, um die Inseln im Tegeler See zu bedienen und wurde deshalb oft der „Fährkönig“ genannt. Damals verirrte sich nur selten ein Auto hierher. 1970 habe ich dann die Wagenfähre übernommen. 

Bekommen Sie vom Land Berlin Zuschüsse für den Fährbetrieb?

Nein, ganz im Gegenteil. Wir müssen Pacht für die Fährrechte zahlen, mehr als 1.000 Euro, aber weniger als 10.000 Euro. Jede Preiserhöhung müssen wir uns vom Verpächter, dem Land Berlin, genehmigen lassen. Für die Hol-Über III haben wir 1987 noch knapp eine Million D-Mark bezahlt. Auch der Anleger und die Stege sind unser Eigentum und müssen von uns instandgehalten werden. Die verstärkte Fahrradbewegung ist sehr gewinnfördernd für uns, denn es bietet sich an, auf einer Fahrradtour in den Nachbarbezirk eine kleine Pause zu machen. Aber auch viele Autofahrer nutzen beim Stau auf der A100 die Autofähre auf dem Weg zum Flughafen.

Was kostet eine Fährfahrt? Was ist sonst noch ungewöhnlich?

Erwachsene mit Fahrrad zahlen nur 1 Euro, Kinder sogar nur 50 Cent. Bei den PKWs beginnen die Preise bei 1,80 Euro und richten sich bei größeren Fahrzeugen nach Länge und Gewicht. Da wir innerhalb der kurzen Fährzeit von etwa zweieinhalb Minuten alle Personen abkassieren müssen, muss es schnell gehen. Deshalb haben wir eine einfache Holzkiste für die Tickets und das Wechselgeld, über die viele schmunzeln. Aber alles andere, was wir probiert haben, dauerte zu lange.

Fahren Sie noch aktuell die Autofähre?

Nein, nur noch manchmal unser Fahrgastschiff Odin 3. Nachdem wir 2013 den Fährbetrieb zu den Inseln eingestellt haben, kann man es für private Gesellschaften buchen. Mein Sohn Andreas ist die gute Seele des Geschäftes. Ich bin ihm und seiner Frau sehr dankbar, dass sie den Familienbetrieb weiterführen. Ob die vierte Generation der Burchardis dies auch noch tun wird, weiß ich nicht. Meine beiden volljährigen Enkelkinder probieren sich erstmal in verschiedenen Dingen aus, ganz nach dem Motto „Fährmann kann ich später immer noch werden“.

Was ist die Schwierigkeit beim Fahren der Autofähre?

Bei Sturm haben wir Schwierigkeiten anzulegen. Aber auch im Dunkeln macht es keinen Spaß, da die Scheinwerfer der wartenden Autos blenden. Das ganze Wasser ist wie ein Spiegel. Wir würden uns sehr freuen, wenn alle Wartenden die Scheinwerfer ausmachen würden. Außerdem wünschen wir uns weiterhin einen entsprechenden Anstand bei der Begegnung mit dem Fährpersonal.

Vielen Dank für das Gespräch.

11. Januar 2019

Bild: Daniele Schütz-Diener