Titelthema

Das stille Sterben des Schäfersees

Das Gewässer ist in einem kritischen Zustand – ein Rückhaltebecken könnte helfen

Von Christiane Flechtner

Die Blätter der Bäume bewegen sich sanft im Wind hin und her; das Wasser des Sees kräuselt sich leicht. Idyllisch wirkt der Schäfersee. Doch der Schein trügt: Jahr für Jahr werden durch seine fünf Zuläufe rund 200 Tonnen zum Teil hochgiftiger Dreck mit dem Regenwasser in den See gespült. Das Wasser ist so zu einem toxischen Gemisch geworden und schadet nicht nur den Kleinstlebewesen und Fischen im Wasser sondern gefährdet auch die Wasservögel. Die einstige Krötenpopulation ist schon verschwunden und ebenso viele der früher dort beheimateten Vogelarten. Die Projektgruppe Schäfersee lud am 23. April die interessierte Öffentlichkeit in die Bibliothek am Schäfersee ein, um über den Zustand des Gewässers, seine Probleme und mögliche Verbesserungsmaßnahmen zu informieren.

„Der See ist mehr tot als lebendig.“ Das ist die traurige Bilanz, die Oliver Klenner dem etwa 30-köpfigen Publikum präsentierte. Klenner ist Fachbereichsleiter der Naturwissenschaften am Friedrich-Engels-Gymnasium, und regelmäßig untersucht er im Rahmen des Ökologieunterrichts mit seinen Elft- und Zwölftklässlern die Gewässer des Fuchsbezirks. Auch der Schäfersee wird von den Schülern seit acht Jahren genau unter die Lupe genommen – mit einem erschreckenden Ergebnis: „Fakt ist, dass wir zu viele Nährstoffe im See haben, die durch das Regenwasser hineingespült wurden. Diese fördern das Algen- und Wasserpflanzenwachstum in einem extremen Maß. Wenn diese Pflanzen dann absterben und auf den Grund sinken, zersetzen Bakterien und Vororganismen, so genannte Destruenten, unter Sauerstoffverbrauch das tote organische Material“, erklärt er. Dieser Prozess wiederhole sich unentwegt, sodass im unteren Bereich des Sees kein Sauerstoff mehr vorhanden ist. „Die Situation wird immer schlimmer, da der See das, was er täglich schlucken muss, selbst nicht mehr verdauen kann. Und es gibt ja keinen Stöpsel, den man ziehen kann“, sagt Klenner. 

Es ist nicht nur der Schäfersee, der vor allem mit Straßendreck zu kämpfen hat, weiß Anton Kulmus von der Projektgruppe Schäfersee. 

„Reinickendorf hat etwa 70 solcher Oberflächengewässer, dazu gehören der Schäfersee, das Tegeler Fließ oder die vormals Blauen Augen von Frohnau, die alle als Straßenabwässer-Sammelstellen missbraucht werden“, sagt er. „Die Idee, dass das Wasser dort verdunsten soll, wo es hinfällt, ist eigentlich sehr gut für das örtliche Klima. Jedoch muss der Dreck, vor allem der hochgiftige Reifenabrieb und die Zigarettenkippen, vor dem Einfließen in das jeweilige Gewässer zurückgehalten werden.“

Hohe Belastung mit Schwermetallen

Verschiedene Untersuchungen einiger Kleingewässer ergaben hohe Belastungen mit Schwermetallen. Problematisch sind außerdem organische Stoffe im Schlamm und im zufließenden Wasser. „Regenwasserabfluss ist die größte unbehandelte Quelle von potentiell hohen Spurenstofffrachten in urbane Oberflächengewässer. In Berlin werden rund 74 Prozent oder jährlich 44 Millionen Kubikmeter des Regenwasserabflusses weitgehend unbehandelt eingeleitet“, schreibt das Kompetenzzentrum Wasser Berlin.

Beim Schäfersee sind die Werte erschreckend: Der Grenzwert von Blei liegt für Trinkwasser bei 0,01 mg/l. Im Schäfersee wurde Bleiwerte von 144 bis 911 mg/kg Trockensubstanz gemessen. Ähnlich hoch sind Chromwerte: Während im Trinkwasser maximal 0,05 mg/l erlaubt sind,  sind es im See bis zu 47. Die Werte für giftiges Quecksilber, Nickel, Kupfer und Zink sind ebenfalls erschreckend hoch.  

Der See ist natürlichen Ursprungs

Dabei ist der Schäfersee im Gegensatz zu vielen anderen Gewässern nicht künstlich angelegt worden, um Straßenabwasser aufzufangen, sondern er ist natürlichen Ursprungs. Er entstand am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren durch einen beim Abschmelzen des Gletschers liegen gebliebenen Eisblock, der von Geschiebematerial überdeckt wurde und so als eingeschlossenes Toteis zurückblieb. Beim Schmelzen dieses Eises füllte sich die Vertiefung mit Wasser. 

Im Mittelalter war der See unter dem Namen „nyenhoff“ nach dem am See gelegenen Gutshof Neuenhof bekannt, später wurde er als „Reinickendorfer See“ bezeichnet. Seit 1900 gibt es den heutigen Namen, der an die dort befindliche Schäferei erinnert.

Das Wasser des Sees wurde zeitweilig genutzt – schließlich gewann der erste Reinickendorfer Stangeneishersteller Mudrack sein Eis aus der Eisdecke des Sees. Ende des 19. Jahrhunderts wurde am See eine Bade­anstalt eröffnet – mit getrennten Herren- und Damenbereichen –, in der sich der Schwimmclub Delphin traf.

Heute würde niemand mehr im Schäfersee  schwimmen gehen. Und auch die illegalen Angler leben gefährlich: „Der Fisch wird hoch verseucht und extrem ungesund sein“, ist Carmen Schiemann, Gründungsmitglied der Projektgruppe, sich sicher.

Der See leidet schon lange an den giftigen Substanzen, und immer wieder kommt es zu Fischsterben. 1999 gab es eine Verschmutzung mit Öl, im Juni 2007 und Juni 2008 ein großes Fischsterben. 2014 wurde das Gewässer teilentschlammt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt teilte mit, dass bei dieser Maßnahme die Uferbereiche des Sees bis zu einer Tiefe von 3,5 Meter von den schädlichen Ablagerungen befreit wurden. 

Teure Entsorgung

Aus diesen Bereichen wurden etwa 7.000 Tonnen Sediment entnommen. Für die Teilentschlammung entstanden Kosten in Höhe von 1,17 Millionen Euro. Die Entsorgung des gefährlichen Abfalls schlug mit weiteren 716.000 Euro zu Buche. Um die Wasserqualität des Sees wirklich zu verbessern, hätte der See komplett entschlammt werden müssen, doch die Entnahme aller im See befindlichen Ablagerungen – immerhin rund 70.000 Kubikmeter gefährlicher Abfall – war im Rahmen der Gewässerunterhaltung aus Kostengründen nicht möglich. 

Entschlammung hilft nur kurzfristig

„Eine Entschlammung des Sees ist  eine kurzfristige Maßnahme; sie ist einerseits sehr teuer und hilft zudem nur für einen kurzen Zeitraum“, erklärt Kulmus. Schließlich würden nicht die Ursachen bekämpft. Und so verbessere sich die Wasserqualität auch nur vorübergehend und nicht dauerhaft. 

„Deshalb fordert unsere Projektgruppe Schäfersee seit ihrer Gründung vor zwei Jahren ein Rückhaltebecken, eine so genannte Retentionsanlage, für den See“, erklärt Kulmus. „Vorbild ist hierfür die seit 14 Jahren am Halensee erfolgreich arbeitende ähnliche Anlage.“ Und weil die verdreckten Straßenabwässer vor allem von der Residenzstrasse kommen, sollten die Mittel für das Zurückhalten – beispielsweise ein Absetzbecken samt Schilf­anlage – nach Ansicht der Projektgruppe auch aus dem Programm Aktive Zentren Residenzstrasse kommen.

Unachtsames Verhalten von  Freizeitsportlern

Aber auch die Menschen, die das Gebiet als Naherholungsort nutzen, belasten den See und seine empfindliche grüne Umgebung. Die zunehmende Vermüllung der Parkanlage hat eine wahre Rattenplage herbeigeführt. 

Durch den Bootsverleih entstünden weitere Probleme: So würden brütende Vögel immer wieder gestört. „Etliche Boote fahren in Ufernähe und dicht an die Nester heran, obwohl ein Abstand von mindestens zehn Metern vorgegeben ist“, sagt Kulmus. Doch daran halte sich kaum jemand. Die Folge: „Von den sieben Nestern ist nur noch eines übrig geblieben“, weiß der Naturschützer. 

Die Forderung der Projektgruppe: Die Grünanlage müsste eindeutig besser geschützt werden, teils auch durch neue Zäune. Das Wild-Pinkeln und die Vermüllung könnten durch mehr Ordnungskräfte eingedämmt werden. Eine häufigere Säuberung durch die BSR sowie weitere Mülleimer würden ebenfalls hilfreich sein. 

„Wir wünschen uns eine ständige Aufsicht, doch haben wir noch keine Vorstellungen davon, wie das im Einzelnen organisiert werden könnte. Aber ohne Park­aufsicht bei dieser riesigen Menge an Menschen geht der See unter“, fügt Kulmus abschließend hinzu. 

8. Mai 2018

Foto: Christiane Flechtner