Titelthema

Bezirksgeschichte zum Greifen nah

Steinzeitliche Kühltruhe und Zeitzeugen zur Luftbrücke im Museum Reinickendorf

Von Bertram Schwarz

Ulrike Wahlich hebt die Arme und fängt an zu erzählen, als ob sie vor einem Riesenpublikum stünde. An diesem Sonntagnachmittag haben sich aber nur drei Besucher eingefunden, die sich von ihr durch die ständige Ausstellung des Museums Reinickendorf führen lassen wollen. Das tut Wahlichs Begeisterung für die Geschichte des Bezirks jedoch keinen Abbruch: „Manchmal kommen eben nur drei Neugierige, mal sind es 30 und ich hatte auch schon mal eine Führung mit 70 Besuchern.“ Jeden Monat wieder stellt sie „ihr“ Museum vor – so wie am kommenden Sonntag in der Zeit von 15 bis 16 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Gerade ist das Programm „Kultur pur!“ für die Monate April bis Juni vom Fachbereich Kunst und Geschichte erschienen, das ab jetzt vierteljährlich herausgegeben wird. Es ist randvoll mit Veranstaltungen: viele informative Spaziergänge durch Reinickendorf, „Kunstvermittlungsangebote“ der Graphothek, Zeichenkurse im Projektraum resiART und Ausstellungen in der Rathaus-Galerie. Das Zen­trum ist aber das Museum in Alt-Hermsdorf, das früher einmal eine Schule war.

Bild: Ulrike Wahlich führt wort- und gestenreich durch "ihr Museum" (Foto: Bertram Schwarz)

Wahlich arbeitet seit 1994 für das Museum. Heute ist ein ganz besonderer Tag für sie. Vor genau 40 Jahren kam sie aus einem kleinen schwäbischen Ort für das Studium der Geschichte und Theaterwissenschaften nach Berlin. Sie schmunzelt: „Meine Heimatgemeinde heißt Kuchen und ich bin in der Strudelstraße aufgewachsen.“ Das sagt sie so, als ob das Garant genug für lebenslang gute Laune sei. Schon stellt sie sich vor einer Wand mit einem Grabungs-Querschnitt auf und öffnet wieder ihre Arme.

„Dies ist eine steinzeitliche Kühltruhe.“ Sie genießt kurz die verständnislosen Blicke ihrer Zuhörer im Raum für Vor- und Frühgeschichte. Dies sei der sorgfältig konservierte Querschnitt einer Grabung am Tegeler Fließ und zeige, wie Rentierjäger etwa 9.000 vor Christus das Fleisch ihrer Beute haltbar gemacht hätten. Loch in den eiskalten – teilweise noch dauergefrorenen – Boden gegraben, totes Rentier rein, Erde drauf. Zur Markierung der gut gekühlten Nahrung wurde oben ein Stock gesetzt. Sozusagen der Griff zur Kühlschranktür. Doch schon hastet Wahlich weiter.

Hinter Glas sind Pinzetten und Schmuck aus der Bronzezeit zu sehen. Solche Vitrinen strahlen pure Langeweile aus und haben ganzen Schülergenerationen Heimatmuseen verleidet. Was zum Himmel soll man damit nur anfangen?  Das sieht Wahlich ganz anders und erzählt die Alltagsgeschichte dazu: „Pinzetten waren damals überlebensnotwendig. Die Menschen hatten keine schützenden Schuhe an. Schnell war ein Dorn im Fuß, der sich entzünden konnte.“ Wer dann nicht schnell eine Pinzette zur Hand hatte, für den konnte das Leben mit dem schmerzhaften Fehltritt schon vorüber sein. Das Museum legt viel Wert auf die Darstellung des 19. Jahrhunderts. Damals entwickelte sich Berlin zur modernen Großstadt mit viel Industrie. Im Norden ging es einstweilen noch beschaulich her. Die Dörfer waren zumeist landwirtschaftlich geprägt. Erst 1920 kamen sie mit dem „Groß-Berlin-Gesetz“ zur rasant wachsenden Hauptstadt hinzu und wurden zu dem Bezirk Reinickendorf geformt. Der Name hat übrigens nichts mit dem Wappentier „Reineke Fuchs“ zu tun, sondern mit dem Namen des ersten Siedlers hier. Bauer Reinhardt gründete 1230 ein Dorf. Auf Plattdeutsch wurde es nach ihm benannt: Renekentorp. 

Doch der Fuchs hat sich im Wappen des Bezirks prominent gehalten. Es fällt auf, dass die Wappen vom Bezirk und den einzelnen Ortsteilen im Museum nicht zu sehen sind. Spielen sie heute keine Rolle mehr? Museumsleiterin Cornelia Gerner (unser Titelfoto) hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht, als das Museum früher versuchte, die Wappen zu verkaufen: „Es hat sich niemand dafür interessiert.“ Auf Nachfrage, wie die promovierte Kunsthistorikerin die Wappen bewerte, kommt sie zu einer ähnlich klaren Auskunft: „Man versteht die Wappen nicht so richtig.“ Diplomatisch fügt sie hinzu: „Sie sind auch nicht alle glücklich, so wie sie entworfen sind.“ Wie steht es um die Nutzung der Wappen in Reinickendorf? Seit vielen Jahren wird der Maibaum mit dem Bezirkswappen und den elf Ortsteilwappen vor dem Rathaus aufgestellt. Auch dieses Jahr, so versichert Bezirkssprecher Michael Hielscher, laufen die Vorbereitungen für den pünktlichen Aufbau. Er sieht es gern, wenn sich „Vereine und Unternehmen zu unseren Wappen bekennen“ und weiß auch von Anfragen zu deren Nutzung. Nur die Mauerkrone über dem Bezirkswappen darf nicht frei verwendet werden, da „sie ein Hoheitszeichen ist“, das der Nutzung durch die Stadt Berlin und ihren Bezirken vorbehalten bleibe. 

Bild: Die Werkstatt im Museum Reinickendorf in Alt-Hermsdorf (Foto: Bertram Schwarz)

Was sagt eine Heraldikerin zu diesen Zeichen, die ursprünglich von Rittern in der Schlacht geführt wurden, um sich im blutigen Getümmel unterscheidbar zu halten? Andrea Mochmann aus Waidmannslust ist Grafikerin und ihr Interesse am Mittelalter hat dazu geführt, dass sie Wappen für Kunden entwickelt. Wie gefallen ihr die Wappen von Reinickendorf?  

Mochmann beugt sich über die Kennzeichen der Ortsteile, hält kurz inne und sagt dann: „Mir würden sie besser gefallen, wenn sie heraldischer wären.“ Das Zeichen von Borsigwalde, Reinickendorfs jüngstem Ortsteil, sei nach den strengen heraldischen Regeln „korrekt“. Die anderen Darstellungen hält sie meist für eher „nostalgisch“. Das Phantasieschiff von Tegel findet sie „lustig“ und weist darauf hin, dass das Segel-Dampfschiff vom Motor offensichtlich nach rechts und der Segelstellung nach in die entgegengesetzte Richtung getrieben werde. Das Wappen vom Märkischen Viertel habe für sie „nichts mit einem Wappen“ zu tun. Es sei eher ein „Emblem“. 

Wer sich historisierend mit Geschichte befasst, kann also durchaus auflaufen. Aber richtig schwierig wird die Beschäftigung mit Geschichte bei anderen Themen. Gerade hat die Fernsehserie „Charité“ mit bedrückenden Szenen nachgestellt, was in dem unscheinbaren Gebäude am Eichborndamm gegenüber dem Rathaus in den Jahren 1942 bis 1945 geschah. Es sollte eine Klinik für Kinder sein und hatte den harmlosen Namen „Wiesengrund“. 

Tatsächlich starben in diesen Jahren „von 175 Kindern […]  81 einen qualvollen Tod“, wie eine Erinnerungstafel am Gebäude zur Straßenseite ins Gedächtnis ruft. Sie waren als „Reichsausschusskinder“ von den Nationalsozialisten gnadenlosen Medizinern für Experimente schutzlos übergeben worden. Auch damit beschäftigt sich das Museum Reinickendorf in seinem „Geschichtslabor“. 

Bild: Erinnerungstafel am Eichborndamm vor "Wiesengrund"

Bei der Führung durch das Museum gibt es eine Ecke im Raum für das 20. Jahrhundert, wo Ulrike Wahlich bei dem ansonsten heiteren Nachmittag auf die Zeit des Nationalsozialismus nachdrücklich hinweist. Gerade das Thema „Zwangsarbeit“ in den Reinickendorfer Rüstungsbetrieben ist sorgfältig aufgearbeitet und dokumentiert worden.

Die Nachkriegszeit mit Luftbrücke, Mauerbau und Mauerfall bekommt recht wenig Raum in der ständigen Ausstellung. Vor der Wand mit den Fotos von der Luftbrücke kann sich Wahlich den Hinweis nicht verkneifen, dass der Flughafen Tegel mit der lebenswichtigen Lande- und Startbahn in zwölf Wochen gebaut worden sei. Wie gut, dass die Zeiten heute gemütlicher sind und wir uns beim Bauen von Flughäfen etwas mehr Zeit lassen können…

Auf die Frage an die Museumsleiterin, ob auch Zeitzeugen zu den vergangenen Jahrzehnten befragt worden seien, antwortet Cornelia Gerner, dass umfangreiche Interviews im Archiv schlummerten und auf Sonderausstellungen warteten. So wird die Ausstellung „70 Jahre Luftbrücke“ vom 12. April an bis zum 4. August mit Zeitzeugenberichten zu den schwierigen Lebensbedingungen dieser Zeit in Reinickendorf angereichert.  Zudem steht am 28. April um 15 Uhr ein Gespräch mit Bürgern auf dem Programm, „die ihre damaligen Erlebnisse schildern“. 

Wahlich kommt langsam zum Schluss ihrer Führung. Auch Schulkinder setzt sie mit ihren lebensnahen Schilderungen so sehr in Erstaunen, dass sie schon einmal gefragt wurde, ob „sie denn auch noch Dinosaurier gekannt“ habe. Einen letzten Veranstaltungstipp will sie den Besuchern noch mit auf den Weg geben: das Sommerfest rund um das Museum mit buntem Bühnenprogramm am 16. Juni von 11 bis 18 Uhr. 


„Bei uns gibt es noch die Aura des Originals.“

Cornelia Gerner, Leiterin seit dem Jahr 2000, spricht über die Aufgaben des Museums Reinickendorf

Interview: Bertram Schwarz

Cornelia Gerner ist promovierte Kunsthistorikerin und leitet seit 2000 das Museum Reinickendorf. Neben der Vermittlung der Geschichte des Bezirks liegt ihr besonders die Kunst am Herzen. 

Reinickendorf wurde 1920 aus verschiedenen Dörfern zusammengewürfelt. Inwieweit kann da von gemeinsamer Geschichte gesprochen werden?

In der Tat waren es Dörfer, die außerhalb Berlins gelegen und unterschiedlich entwickelt waren. Beispielsweise war Tegel schon sehr industriell ausgerichtet mit dem Unternehmen Borsig. Dagegen war Lübars noch ein richtiges Dorf, während Hermsdorf Ende des 19. Jahrhunderts schon eine sogenannte Gartenstadt war. Inwieweit das zu einer gemeinsamen Geschichte führt, können Sie im Mai 2020 in der Ausstellung „Groß-Berlin 1929 bis 2020“ sehen.

Welche Funktion hat das Museum Reinickendorf für die Menschen im Bezirk?

Ich finde ganz klar, dass diese Geschichte vermittelt werden muss, nämlich dass Reinickendorf ursprünglich aus diesen sechs Dörfern bestand und dann ein so vielfältiger Bezirk geworden ist. Im Süden ist er stark verstädtert, und im Norden sind die Villen, viel Grün und das Wasser. Unser Museum versucht, diese Vielfalt darzustellen. 

Dem turbulenten 20. Jahrhundert widmet das Museum nur  einen Raum. Dazwischen gibt es mehrere Räume für das 19. Jahrhundert. Warum diese Gewichtung?

Das hat auch mit der Entwicklung des Museums zu tun. Als ich hier angefangen habe, war das Museum wirklich ein liebenswertes Heimatmuseum, eine Ansammlung von verschiedenen Objekten. Es ging darum die „Archäologie des Museums“ zu erforschen. Was ist die Kernaufgabe eines Raums? Wir fahren im Grunde zweigleisig. Einerseits haben wir die Chronologie und anderseits die Alltagsdarstellung des Wohnens und des Lebens. Dazu gehören die Waschküche, der Handwerkerraum, die Schule, die auf den Ursprung des Gebäudes hinweist, und das Spielzimmer.

Andere Museen setzen stark auf Multimedia mit Bildschirmen. Wollen Sie das auch einführen?

Ich denke, wir bleiben schon stark bei dem, was man direkt sieht. Bei uns kann man die Aura des Originals wahrnehmen. Allerdings wollen wir auch Multimediales einführen. Das wird Ende des Jahres, vielleicht Anfang des nächsten Jahres so weit sein.

Inwiefern ist das Museum identitätsstiftend?

So ein Museum kann sehr wohl identitätsstiftend sein. Ich bin manchmal allerdings erstaunt zu erfahren, wie wenig manche Menschen, die schon lange hier leben, über ihren Bezirk wissen. „Bezirk“ klingt so verwaltungstechnisch und es ist ja auch ein Verwaltungsbegriff, aber dass sich hinter diesem trockenen Begriff etwas so Vielfältiges und Buntes verbirgt, das erfährt man eben hier in diesem Museum. Mir ist es immer wichtig, dass dieses Museum eine Lebendigkeit ausstrahlt. 

Sie haben einen weiteren Schwerpunkt mit der Kunst eingeführt. Wie steht die Kunst mit der Geschichte in Verbindung?

Wir hatten hier im Museum schon immer eine Kunstsammlung. Es handelt sich dabei um Künstler, die hier in der Region gelebt und auch ihren Bezirk gemalt haben. So ist der interessante Künstler Max Grunwald aus Wittenau nie so richtig bekannt geworden, auch weil er ein schrulliger Typ war, der seine Bilder einfach nicht verkaufen wollte. 

Mit welchen Künstlern beschäftigen Sie sich noch?

Gerade haben wir eine Hannah- Höch-Ausstellung gezeigt. Sie hat seit 1939 in einem kleinen Holzhaus in Heiligensee gelebt. Vorher wohnte sie in Friedenau, wo sie beobachtet worden ist von ihren Nachbarn. Sie galt als verfemte Kulturbolschewistin mit ihrer Dada-Kunst. Sie hat sich dort nicht mehr wohlgefühlt und ist dann nach Heiligensee umgezogen, wo der Bezirk immer wieder Bilder von ihr kaufte. 

Dieses Jahr jährt sich zum 30. Mal der Mauerfall. Was planen Sie?

Wir haben ein sehr schönes Konvolut von Fotografien von Karl-Ludwig Lange, der direkt nach der Maueröffnung viel dokumentiert hat. Und wir haben einen Bestand von Stasi-Fotografien. Das sind Bilder von der Mauer um Reinickendorf von der anderen Seite, die dieses Jahr zum Mauerfall ausgestellt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

11. April 2019