Soziales & Familie

Tagesmutter mit Leib und Seele

Erika Grothe geht nach 36 Jahren in den Ruhestand

Von Heidrun Berger

Erika hat meinen beiden Jungs beigebracht, wie man sich alleine die Schuhe anzieht, den Reißverschluss hochzieht und kleckerfrei mit Besteck isst. Sie haben bei ihr gelernt, wie man mit dem Kettcar fährt und dass man seine Spielsachen aufräumen muss. Erika Grothe – von allen Eka genannt – war die Tagesmutter meiner Söhne. Sie verbrachten gute zwei Jahre bei ihr. Sie nahmen an den häuslichen Abläufen teil, gingen mit Eka einkaufen, zum Turnen in die Sporthalle, auf den Spielplatz, in den Wald und zum Musizieren zu einer anderen Tagesmutter. Den recht weiten Weg dorthin absolvierte Eka meist zu Fuß. Die Kleinsten saßen im Wagen, die Größeren liefen. Bis heute murren meine Kinder nicht, gilt es längere Strecken zu laufen. Ich denke, das habe ich Eka zu verdanken. 

Erika Grothe geht im August, nach 36 Jahren als Tagesmutter, in den Ruhestand. Sie begann mit dieser Tätigkeit, als der zweite von drei Söhnen geboren war. „Wenn ich mit einem Kleinkind zu Hause bin, kann ich auch noch andere betreuen. Und mein Sohn hat gleichaltrige Spielkameraden“, war ihre Motivation. Ihr Einfamilienhaus im Rausendorffweg wurde zur Tagespflegestelle. Anfangs betreute sie immer drei Kinder, später wurden es fünf. Eine Herausforderung, wie ich meine, da viele Kinder erst ein Jahr oder jünger waren. Wurden sie dann langsam selbstständig, wechselten sie in den Kindergarten und machten Platz für das nächste kleine Tagespflegekind. 

Wie viele Kinder Erika Grothe in all den Jahren gewickelt, getröstet und in den Mittagsschlaf gesungen hat, lässt sich nicht nachzählen. Aber sie hat sie (fast) alle in ihrem Gedächtnis. „Wenn wir einem Erwachsenen begegnen, der als Kind bei uns war, erkennt sie ihn wieder“, erzählt ihr Mann Jonny.

Hat es ihn nicht manchmal gestört, wenn in seinem Haus die untere Etage tagtäglich von fremden Kindern in Beschlag genommen wurde? Dass an der Garderobe bis zu fünf kleine Jacken, Mützen, Schals hingen und er über fünf Paar Schuhe hinweg steigen musste? Auch der „Fuhrpark“ vor dem Haus war beträchtlich: Kettcar, Dreirad, Laufrad und mehrere Bobby Cars standen im Vorgarten. „Anfangs habe ich nicht viel mitbekommen. Ich war ja arbeiten. Später, als ich im Ruhestand war, habe ich mitgeholfen. Es hat Spaß gemacht, die Kinder aufwachsen zu sehen.“ Die Kinder mochten ihn, den Mann im Haus. Oftmals konnte er trösten, wo Eka nicht weiterkam, oder kochte das Mittagessen, wenn sie mit den Kindern noch unterwegs war. Als ich es einmal nicht rechtzeitig zum Abholen schaffte und Erika zu einem Termin musste, setzte er meinen Sohn kurzerhand in den Fahrradsitz und nahm ihn mit zu seinen Erledigungen. 

Am Freitag, 27. Juli, hat Eka ihren letzten Arbeitstag. Was macht sie danach mit ihrer freien Zeit? „Wir werden öfter verreisen, da wir uns nun an keine Termine mehr halten müssen. Außerdem wollen wir Fahrradtouren unternehmen, und dann gibt es ja auch noch unsere fünf Enkel“, sagt Jonny Grothe. Kinder werden Eka wohl auch noch im Ruhestand begleiten. 

24. Juli 2018

Foto: Heidrun Berger