Titelthema

Von Aufhebern und Müll-Detektiven

Reinickendorfer Straßen sollen sauberer werden – Wie das funktionieren kann

Von Anja Jönsson und Heidrun Berger

Berlin, Hauptstadt des Mülls?! In Hinblick auf die zahlreichen Beschwerden über illegalen Sperrmüll, Bauschutt, abgerissene, angezündete und überquellende Straßenpapierkörbe ist die Aussage durchaus nachvollziehbar. Im Bezirk spiegelt sich das Gefälle in Sachen Sauberkeit der ganzen Stadt wider. Ist es in Heiligensee, Frohnau, Lübars oder Hermsdorf größtenteils sauber, sind einige Straßen und Grünanalagen in Tegel und Reinickendorf-Ost häufig mit Abfall übersät. Pauschale Schuldzuweisungen an die Kiezbewohner sind dabei nicht immer angebracht. Es gibt offenbar einen sogenannten „Mülltourismus“. Dubiose Entrümpler laden berlinweit ihren Sperrmüll ab (siehe Interview mit dem BSR Pressesprecher Seite 2). Leider gibt es daneben dennoch die Mitbürger, die Abfall wie Eispapier, Zigarettenkippen oder Papiertaschentücher einfach fallen lassen. Ärgerlich auch, wenn Frauchen und Herrchen die Hinterlassenschaft ihrer Hunde nicht entsorgen. Dabei lassen sich die Straßen mit einfachen Mitteln sauber halten. Das beweist der Tegeler Stephan von Orlow. „Ich hebe drei Stück Müll vom Boden auf und werfe sie in den nächsten Abfalleimer. Jeden Tag.“ Von Orlow (Titelfoto) ist ein „Aufheber“. So hat er seine Initiative genannt, die er im Mai gemeinsam mit seiner Tochter Nicola ins Leben gerufen hat. Drei Mal am Tag bückt er sich nach Abfall. Er räumt seinen Mitbürgern nicht den Müll hinterher; nein, er sorgt dafür, dass der Ort, an dem er lebt, sauberer wird. Positiv denken lautet seine Devise. Er wirbt nicht offensiv für „Die Aufheber“, er macht einfach. Oftmals erntet er beim Aufsammeln erstaunte Blicke. Das freut ihn. „Ich habe eine Vereinbarung mit mir selbst. Wenn ich diese täglich erfülle, bin ich zufrieden. Ärgern bringt nichts.“ „Die Aufheber“ sind mittlerweile zu einer Bewegung mit über 400 Mitgliedern angewachsen. 

Die Idee kam dem Vater von drei Kindern, als er mit seiner Nicola unterwegs war. Vor den beiden ließ jemand Papier fallen. Das Mädchen fragte ihren Vater: Darf der das? Der Papa verneinte und fühlte die  Resignation seiner Tochter. 

Zu Hause kamen Vater und Tochter dann zu dem Entschluss: Wir werden etwas gegen den Müll auf unseren Straßen tun und gegen die Gleichgültigkeit der Menschen dem gegenüber. Seitdem senden sie die einfache Botschaft: Drei Stück Müll (aufheben). Jeder. Jeden Tag. Von Orlow glaubt daran, dass es dort, wo es sauber ist, auch sauber bleibt und dass man so eine „Kultur der Ordnung“ schaffen kann. 


Mitstreiter gesucht


Sein Ziel ist es, 100.000 Berliner für seine Idee zu begeistern. Dafür sucht er Partner, die seine Message transportieren – in die sozialen Medien, aber auch offline. Er spricht mit den großen Reinickendorfer Hausverwaltungen, der BVG und dem Hersteller von Getränkepacks. Er wünscht sich eine Aufheber-App und sucht dafür Sponsoren und Entwickler. 

Wer bei Facebook der Gruppe „Die Aufheber“ beitritt, liest von der „Beute“, die gemacht worden ist und sieht Fotos der Aufheber in Aktion. Manche tragen dabei Handschuhe oder Greifwerkzeuge. Andere heben ausschließlich mit der linken Hand auf – und waschen sich, wie Stephan von Orlow, unglaublich oft am Tag die Hände. „Solche Aktionen zeigen, dass die allermeisten Menschen eine saubere Stadt sehr zu schätzen wissen”, freut sich Sebastian Harnisch, Pressesprecher der BSR. Er gibt aber zu bedenken, dass immer noch zu viele Leute ihren Müll einfach fallen lassen, und es leider die unverbesserlichen Vermüller gäbe. Diese würden sich nur ändern, wenn auch die Rolle der Ordnungsämter gestärkt werde.

Reinickendorfs Bezirksstadtrat Sebastian Maack leitet das Ordnungsamt und ist somit für die Kontrolle der Ordnung und Sauberkeit im Bezirk verantwortlich und findet die Initiative der Aufheber gut. Allerdings bedauert er, dass die Ordnungskräfte in Berlin „so eklatant unterbesetzt sind, dass derartige Initiativen überhaupt erforderlich sind.“ Er glaubt außerdem, dass die Vermüllung der Straßen nur verhindert werden kann, wenn für die Verursacher das Risiko besteht, erwischt zu werden. „Leider darf das Ordnungsamt solche Kontrollen nur in Uniform durchführen, und so viel Respekt haben die meisten Bürger dann doch noch, nicht vor den Augen meiner Mitarbeiter etwas wegzuwerfen.“


Unterstützung für das Ordnungsamt 


Maack hat auf dieses Problem schon mehrfach hingewiesen, mit dem Ergebnis, dass der Senat prüfen wird, ob Einsätze in zivil möglich sind. „Sobald Einsätze in zivil möglich sind und das zusätzliche Personal aus den ,Waste Watcher‘-Stellen verfügbar ist, plane ich, konsequent gegen Verunreinigungen von Straßen und Parks vorzugehen. In Reinickendorf werden wir acht zusätzliche Stellen erhalten, die Ende des Jahres oder Anfang 2019 zur Verfügung stehen.“ Diese  sogenannten Waste Watcher sind „Müll-Detektive“, die sowohl in Uniform als auch in zivil Müllsünder aufspüren sollen. Die Aktion ist Teil des Aktionsprogramms „Saubere Stadt“, mit dem der Senat die Bezirke finanziell unterstützt. 

Bis dahin müssen die Mitarbeiter des Ordnungsamtes die Müllsünder mit ihren Mitteln erwischen. Ist das der Fall, drohen den Verursachern von Müll- und Umweltverunreinigungen in Reinickendorf ein Bußgeld zwischen 35 und 10.000 Euro. In Berlin gibt es keinen allgemeingültigen Umwelt-Bußgeldkatalog. Die Strafen variierten je nach Schwere und Art des Verstoßes.

In Reinickendorf wurden in diesem Jahr elf Verfahren wegen unerlaubter Abfallentsorgung eingeleitet. Die Verursacher waren  bekannt.   


Mehr Eigenverantwortung für mehr Sauberkeit

Das Entsorgungsangebot der Stadt ist laut BSR gut, muss aber auch von allen genutzt werden


Die RAZ im Gespräch mit Sebastian Harnisch, Pressesprecher  der Berliner Stadtreinigung (BSR).


Ist Reinickendorf ein „schmutziger“ Bezirk?

Beim Thema Stadtsauberkeit muss man grundsätzlich zwischen Verschmutzungen durch normalen Straßenkehricht und illegalen Müllablagerungen unterscheiden: Der normale Straßenkehricht wie Papiertaschentücher, Zigarettenkippen, weggeworfene Coladosen, Laubreste oder Streugut wird im Zuge der regulären Straßenreinigung beseitigt. Die klappt gut in Reinickendorf. Insofern ist Reinickendorf ein recht sauberer Bezirk. Was allerdings illegale Müllablagerungen wie Sperrmüll oder Elektroschrott betrifft, da hat Reinickendorf an einigen Stellen ein Problem – wie viele andere Bezirke übrigens auch. In Reinickendorf betrifft das besonders die Residenzstraße mit ihren Nebenstraßen, die Flottenstraße, die Lengeder und die Quickborner Straße. 


Sammelt die BSR von sich aus illegalen Sperrmüll ein?

Nein, bei diesem Thema ist die BSR nur das letzte Glied in der Kette. Die richtigen Ansprechpartner dafür sind die Ordnungsämter. Die beauftragen die BSR dann im Rahmen eines Ordnungsverfahrens mit der Beseitigung. Die BSR ist lediglich Auftragnehmerin. 


Was landet neben Sperrmüll noch auf den Straßen?

Weitere Beispiele für illegale Ablagerungen sind widerrechtlich abgeladener Bauschutt und unerlaubt abgestellte Autowracks. Auch hierfür sind die Ordnungsämter die richtigen Ansprechpartner. Sie beauftragen Spezialfirmen zur Abholung.


Warum stehen die Abfalleimer an Haltestellen selten dort, wo die Leute warten? 

Es gibt eine Richtlinie der BVG, wonach an Haltestellenschildern mit Fahrplanmodulen in der Regel keine Straßenpapierkörbe angebracht werden dürfen. Grund dafür sind die vom Abfall ausgehenden Geruchsbelästigungen, auch Insekten können angelockt werden. Die Wartehäuschen gehören der Firma Wall, dort ist eine Anbringung von Papierkörben gar nicht zulässig. 


Was unternimmt die BSR, um für das Thema Müll zu sensibilisieren?

Die legendäre „We kehr for you“-Kampagne führen wir in abgewandelter Form noch immer fort. Aktuelle Aktionen appellieren allerdings noch stärker an die Eigenverantwortung der Berlinerinnen und Berliner. So bittet Reiner, ein fern- und sprachgesteuerter Papierkorb-Roboter mit Silbertablett, um Abfall und macht so auf unsere rund 23.000 Straßenpapierkörbe aufmerksam. Auf diesen stehen humorvolle Slogans wie „Häufchenhelfer“, „Happy Bürstday“ oder „Gib’s mir“. 


Wie kann man „notorische Vermüller“ erreichen?

Solche Taten sind kein Kavaliersdelikt, sondern ein Bußgeldtatbestand. Wenn es sich um Schadstoffe handelt, womöglich sogar eine Umweltstraftat. Generell sagt man, dass es für eine saubere Stadt einen Dreiklang braucht: Erstens ein gutes Entsorgungsangebot – das haben wir mit 23.000 Abfallkörben – allein in Reinickendorf gibt es rund 1.300 - und 15 Recyclinghöfen sowie einem günstigen BSR-Sperrmüll-Abholservice. Zweitens benötigt man ein entsprechendes Bewusstsein, dass jeder Mensch den eigenen Beitrag leisten muss – also Eigenverantwortung. Drittens sind auch restriktive Maßnahmen wie Kon­trollen und Bußgelder wichtig – die Rolle der Ordnungsämter sollte gestärkt werden. Denn notorische Vermüller erreicht man nur über ihren Geldbeutel. 


11. Juli 2018

Fotos: Heidrun Berger