Panorama

Reif für die Insel?

Mobilität – Fährmann – Ungewöhnlicher Job in der Hauptstadt

Von Daniele Schütz-Diener

Die RAZ im Gespräch mit Jens Müller, der seit fünf Jahren die Personenfähre von Tegelort nach Hakenfelde, Valentinswerder, Havelspitze und Saatwinkel durch den Tegeler See manövriert.

Wie sind Sie an diesen ungewöhnlichen Job gekommen?

Ich hatte einfach Lust auf Veränderungen und las vor fünf Jahren ein Inserat des Besitzers der Insel Valentinswerder, Werner Haberkern, dessen Urgroßvater die Insel 1874 vom Kaiser erworben hatte. Gesucht wurde jemand, der die Inselbewohner und auch Gäste wieder zuverlässig nach Plan über den Tegeler See schippert mit der neu erworbenen Personenfähre Odin I, auf der bis zu 35 Personen Platz haben. Bis zu diesem Zeitpunkt wurde Odin I vom Personal der Autofähre Burchardi gefahren.

Sind Sie vorher auch schon Fährmann gewesen?

Ich habe als gebürtiger Dresdner auf der Elbe gelernt und habe in den letzten 30 Jahren alles zwischen zehn und 110 Meter Länge auf verschiedenen Binnengewässern gefahren – von der Autofähre bis zu Tankschiffen.

Wohnen Sie auch auf der Insel? 

Ja und Nein. Eigentlich lebe ich in Dresden, wo ich auch im Winter arbeite, da dies hier nur ein Saisongeschäft von April bis Oktober ist. Ich pendle auch jede zweite Woche nach Dresden, da die Fähre nur von Freitag bis Sonntag fährt. An den übrigen Tagen gibt es für die Insulaner nur einen kostenlosen Zubringerdienst in Form eines kleinen Pontonbootes. Mir steht auf der Insel ein Bauwagen als Unterkunft zur Verfügung. Das ist sehr praktisch, da ich so auch mal beim Zubringerdienst einspringen kann, der von zwei Gärtnern gewährleistet wird, die die Insel säubern und pflegen. Außerdem sind die festen Inselbewohner sehr dankbar, wenn ich ihre Gäste bei Feierlichkeiten nach Absprache auch zu außerplanmäßigen Zeiten chauffieren kann.

Wer und wie viele Leute leben auf der Insel?

Es gibt ungefähr sechs bis acht Familien, die das ganze Jahr auf der Insel leben. Die meisten von ihnen besitzen jedoch kleine eigene Boote, da sie zu den unterschiedlichen Zeiten auch ihre eigene Logistik bewältigen müssen. Zum anderen gibt es noch etwa 120 Pachtgrundstücke, die meist von mehreren Parteien genutzt werden, und die Leute sind somit äußerst unterschiedlich auf der Insel, oft auch nur am Wochenende. Es leben hier Anwälte und Ärzte, aber auch Schauspieler und Musiker, die einfach die Ruhe und Abgeschiedenheit schätzen.

Haben Sie schon besondere Erlebnisse bei einer Fährfahrt gehabt?

Letztens hat mich ein Paddler beschimpft, dass ich wohl die Vorfahrtsregeln nicht kenne. Ich habe ihn erst einmal darauf aufmerksam machen müssen, dass ich eine Fähre bin, und er mir Vorfahrt gewähren muss. Natürlich ergreife ich ebenfalls Maßnahmen zur Vermeidung eines Zusammenstoßes und achte gerade auch auf Kleinboote – insbesondere auf Ruderboote, die ja rückwärts fahren.

Gibt es sonst noch Außergewöhnliches?

Ja, ich hole zum Beispiel für die Inselbewohner morgens um 8 Uhr frische Brötchen. Oder wenn einer am Festland in sein Auto steigen will und feststellt, dass der Autoschlüssel noch auf der Insel ist, dann fahre ich ihn natürlich auch wieder schnell zurück. Ach ja, und wir haben dieses Jahr viele Fuchsfamilen, die wir bald wieder auf das Festland umsiedeln müssen, bevor sie sich gegenseitig bekämpfen. Wer die Insel einmal kennenlernen möchte, der notiert sich den Tag des offenen Denkmals nächstes Jahr im Juni, denn dann führt Frau Haberkern Interessierte über die Insel.

Vielen Dank für das Gespräch.

24. Juli 2018

Foto : Daniele Schütz-Diener