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Politik | Wirtschaft

Aufbäumen gegen den Baumschwund

Senatsverwaltung rief mit Baumfäll-Aktion am „KaBon“-Gelände Entrüstung hervor

Von Inka Thaysen

Wittenau – Der aufgeregte Anruf einer Leserin erreichte die RAZ Anfang März: Auf „Bonnies Ranch“ sei ein Kahlschlag der Bäume im Gange, der sofort gestoppt werden müsse, berichtete die Dame außer sich. Verständlich, denn zu dieser Zeit hatten bereits 51 Schattenspender den Sägen weichen müssen. Nötig war die Abholzung laut Behördenangaben, um Platz zu schaffen für den Bau des auf dem Gelände geplanten Ankunftszentrums für Flüchtlinge. 

Verantwortlich für die Durchführung der Aktion ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen (SenSW), die der RAZ Auskunft dazu gab: Im Rahmen der Planungen mit der unteren Naturschutzbehörde des Bezirks und der Berliner Forsten seien die Gebäude planerisch so platziert worden, „dass möglichst wenig Bäume fallen müssen. Dies ist das übliche Vorgehen“, so die Sprecherin der Behörde. Michael Hielscher von der Pressestelle des Bezirksamts beschrieb, man habe sich sehr dafür eingesetzt, tunlichst viele Bäume zu retten. 

Rücksicht genommen wurde jedenfalls auf die Naturschutzauflagen, denn alle Stämme fielen bis spätestens zum 28. Februar – danach beginnt der saisonale Vogelschutz. Jedoch waren auch am 1. März noch die Sägen zu hören, weil das Holz am Boden weiter zerlegt wurde. Nicht berücksichtigt fühlte sich unterdessen die Anruferin, die auch für ihre Familie sprach, die Tochter sei ebenfalls ganz entsetzt, sagte sie. Genau deshalb wollte die RAZ von der Senatsverwaltung auch wissen, warum nicht besser über die Arbeiten informiert worden war. Dazu hieß es in der schriftlichen Antwort lediglich allgemein: „Für Fällungen auf privaten Grundstücken besteht keine Informationspflicht.“ Eine weitere Nachfrage, ob ein Dialog denn für die Akzeptanz des Gesamtprojekts nicht förderlicher gewesen wäre, blieb unbeantwortet. 

Apropos Akzeptanz: Schon kurz vor Weihnachten hatte das Bezirksamt Reinickendorf in einer Mitteilung von „Überraschung und Unverständnis“ gesprochen: Damals hatte die Senatsintegrationsverwaltung angekündigt, im geplanten Ankunftszentrum deutlich mehr Flüchtlinge unterbringen zu wollen als zuvor kommuniziert. Hintergrund war die Auflösung der Hangar-Unterkunft am Flughafen Tempelhof. Bezirksbürgermeister Frank Balzer hatte die dadurch bedingte verkürzte Zeitschiene kritisiert und hinsichtlich des KaBon-Geländes betont: „Für die angestrebte und von uns ausdrücklich unterstützte Integration der zu uns gekommenen Menschen ist es unabdingbar, auch […] die dort lebenden Menschen nicht zu überfordern.“

Als nächstes würde jetzt das Grundstück weiter hergerichtet, so heißt es von der SenSW; die Baustelle werde eingerichtet, dann gehe es an Bodenplatte und Rohbau. Und was passiert mit den gefällten Bäumen weiter? Das Holz wird einfach entsorgt.


Ein Kommentar von Inka Thaysen

Umwandlung heißt auch nur „weg“

Berliner Behördensprech macht vor dem Wald nicht halt – ein faszinierender Einblick

Beim Thema Ankunftszentrum gibt es vielerlei Assoziationen, Befürchtungen und auch Befindlichkeiten. Das betrifft am KaBon-Gelände aber nicht nur die Reinickendorfer, ob Anwohner, Gewerbetreibende, Politiker, Journalisten … sondern ganz offensichtlich auch die betroffenen Stellen der Senatsverwaltung selbst. So ist es, wie im Artikel beschrieben, zum einen schon seltsam, wenn ganze Fragekomplexe bei der Beantwortung schlichtweg ausgeklammert zu werden scheinen und man nur auf zwei von drei Anliegen eine Erklärung bekommt, eben aber nicht auf das Nachhaken zur Sinnhaftigkeit von Bürger-Informationen. 

Gleichzeitig sah sich die Autorin zum anderen jedoch bei dem schwierigen Thema Abholzung auch noch mit einem faszinierenden Einblick in Behördendeutsch konfrontiert. So lautete die ursprüngliche Reaktion auf die Erkundigung nach der Anzahl der gefällten Bäume: „Gefällt wurden im Rahmen der Baumschutzverordnung (Genehmigung Bezirk) 13 Bäume (zehn Mal Spitz­ahorn, zwei Platanen). Im Rahmen der Waldumwandlung (Berliner Forsten) wurden 38 Bäume „umgewandelt“ […]“

Aha. Verstehe. Nicht… Das Gehirn versucht sich schon vorzustellen, wozu man einen Baum denn wohl abändern könnte, hängt sich aber nach kurzer Zeit auf. Doch die eindrucksvolle Erklärung folgt auf Nachfrage zum Glück wenig später: „Der Begriff Waldumwandlung stammt aus dem Berliner Waldgesetz: Das Beseitigen von Wald heißt dort ,Waldumwandlung‘.“ Umwandeln heißt also schlichtweg auch nur „weg“. Ich für meinen Teil möchte aus diesem Anlass ganz herzlich dazu anregen, den Behördensprech endlich und ein- für allemal … umzuwandeln!

14. März 2019