Frohnau

Ein Leben für mehr Menschlichkeit

In ihrem Kinderheim in der Oranienburger Chaussee kümmerte sich Annemarie Wolff um sozial benachteiligte Kinder

Von Anja Jönsson

„Halte dich und sei guten Mutes“ – Annemarie 1944 an Basil-Salomon. Hier war bis 1933 das Kinderheim der Annemarie Wolff-Richter“ – zu lesen sind diese Worte auf einer schmalen hölzernen Gedenktafel, die an der Fassade des Landhauses Oranienburger Chaussee 53, Ecke Bieselheider Weg neben dem Zugang angebracht ist. 


Anhängerin der Individualpsychologie


Annemarie Richter wurde im Jahr 1900 in Breslau geboren. Nach ihrem Schulabschluss ging sie 1920 nach Berlin. Für das Medizinstudium fehlte ihr das Geld, so ließ sie sich zunächst zur Röntgenassistentin ausbilden. Sie gelangte in den Zirkel des Nervenarztes Fritz Künkel. Dieser hatte 1924 die „Berliner Gesellschaft für Individualpsychologie“ und 1927 das „Individualpsychologische Institut zu Berlin“ gegründet. Annemaries Leidenschaft für die Pädagogik war geweckt, und sie absolvierte eine Ausbildung zur Individualpsychologin und Heilpädagogin. 

Ihr erstes Kinderheim, die „Kindergemeinschaft Hermsdorf“ gründete sie 1926 in der Schulzendorfer Straße. Sie kümmerte sich hier um Kinder, die aus sozial schwierigen Verhältnissen oder aus linksintellektuellen, kommunistischen oder jüdischen Familien kamen. 1927 heiratete Annemarie den Jugendpfleger Helmuth Wolff und zog kurz darauf mit ihren Pfleglingen nach Frohnau in das Haus in der Oranienburger Chaussee.


Wenig Akzeptanz im Ortsteil


In den Gründungsjahren Frohnaus war der Ortsteil geprägt durch die Strukturen des gehobenen Bürgertums. Diese blieb auch bestehen, als in den 1920er Jahren langsam eine ein Durchmischung mit sozial schwächeren Schichten einsetzte. Eine konservative Einstellung prägte Frohnau. Die politische Stimmung in Deutschland tat ihr Übriges. Für Anhänger des nationalsozialistischen Gedankenguts war das Heim von Annemarie Richter- Wolff ein rotes Tuch. Michael Kölch beschreibt in seiner Dissertation „Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin 1920-1935 (2002)“ die Situation des Heims wie folgt: “… Im Heim befand sich wieder, was abgelehnt wurde, von den Kreisen, die dem Nationalsozialmus anhingen. Zumal dieses Heim sich als Anhänger der verhassten politischen Richtung zu erkennen gab …“. So lebte man im Heim in Frohnau, aber nicht unbedingt mit Frohnau.


Flucht nach Zagreb und eine Scheinehe


Das Landhaus wurde 1934 für die Hitler-Jugend beschlagnahmt. Annemarie Wolff-Richter fand zunächst Am Hegewinkel 115 in Zehlendorf eine neue Bleibe für ihre Kinder. Unter dem Vorwurf der „staatsfeindlichen Tätigkeit durch Erziehung von Kindern in jüdisch-marxistischem Sinne“ wurde sie jedoch 1936 zum zweiten Mal verhaftet. Mit Hilfe von Ernst Ludwig Heuss, Sohn des späteren deutschen Bundespräsidenten Theodor Heuss, und dessen Ehefrau Elly Heuss-Knapp, gelangte sie 1937 mit ihrer Tochter Ursula und zwölf weiteren Kindern nach Zagreb ins damalige Jugoslawien. Sie ging eine Scheinehe ein und erhielt auf diese Weise eine Arbeitserlaubnis und konnte sich weiter um ihre Schützlinge kümmern. Im Frühjahr 1944 wurde ihre wahre Identität aufgedeckt. Im Herbst desselben Jahres wurde sie ins KZ Jasenovac eingeliefert und dort ermordet. 

Ihre Tochter Ursula kehrte 1957 nach Deutschland zurück und heiratete zwei Jahre später Ernst Ludwig Heuss, der 1937 bei der Flucht aus Berlin geholfen hatte. 

Bei der Enthüllung der Gedenktafeln in der Oranienburger Chaussee am 17. November 2011 kam Ursula Wolff-Heuss von Basel nach Frohnau. 

8. Mai 2018

Foto: Anja Jönsson