Titelthema

Was schwimmt denn da im Badesee?

Die Schwimmsaison hat begonnen – aber was tummelt sich noch in unseren Gewässern?

Von Anja Jönsson

Krokodile, Schnappschildkröten oder riesige Welse im Badesee – unheimliche Tiere, die im Sommer erst im Wasser und anschließend in den Medien auftauchen, erfreuen sich einer hohen Aufmerksamkeit. In vergangenen Jahren sorgten exotische Tiere immer mal wieder für helle Aufregung. Manches Monster entpuppte sich allerdings als Medien-Ente. Real dagegen war Kaiman Sammy, der Sommerschreck schlechthin. Ein ganzer See bei Dormagen wurde 1994 wegen der Panzerechse gesperrt. Tagelang wurde Jagd auf sie gemacht. Die Nation zitterte mit dem kleinen Krokodil. In der fünften Nacht konnte ein Rettungstaucher das Tier endlich ergreifen, welches sich nach seiner Aussage am Rand eines „Nervenzusammenbruchs“ befunden hätte. Diverse „Ungeheuer“ wurden aber auch in Berliner Badeseen gesichtet.

Immer wieder kursieren gerade Berichte über riesige Welse. Schlachtensee und Krumme Lanke geraten in diesem Zusammenhang im Sommer häufig in die Schlagzeilen. Bange Frage zum Saisonstart: Müssen sich Reinickendorfer Badegäste vor unheimlichen Welsen fürchten? Derk Ehlert, Wildtier- und Landschaftsexperte der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, gibt Entwarnung. „Im Tegeler See gibt es kaum riesige Welse. Die großen Fische wandern in fließenden Gewässern auch weiter. In stehenden Gewässern wird es dagegen schon größere Exemplare geben, aber sie sind ungefährlich.“ 

Graskarpfen können ebenfalls sehr stattlich werden, bis zu 120 Zentimeter lang. Die Art stammt ursprünglich aus China. In Deutschland wurde die Fischart in einigen Gewässern bewusst zur Pflanzenreduktion ausgesetzt, denn diese Fische sind so etwas wie „Unterwasser-Rasenmäher“. Im Tegeler See wurden sie heimlich ausgesetzt, haben aber noch nicht zu Problemen geführt. „Sie werden gern geangelt, weil sie wie normale Karpfen schmecken“, weiß Derk Ehlert zu berichten. „Graskarpfen kann man gut an der Greenwichpromenade beobachten. Sie mögen sauberes Wasser, und das Wasser im Tegeler See ist sehr sauber.“ 

Weitaus faszinierender als die chinesischen Flossenträger sind für Ehlert allerdings die Aale, die sich in der Havel tummeln. „Jeder, der einen Aal fängt oder ihn isst, sollte sich vor Augen führen, was für Stationen diese Tiere durchlaufen.“

Bedrohter Aal

Der Europäische Aal ist ein wanderndes Wunder. Alle Aale schlüpfen im Atlantik, in der Sargassosee nahe den Bahamas. Vom Golfstrom erfasst, gelangen die Larven nach etwa drei Jahren an die europäischen Küsten. Und dann passiert etwas Verblüffendes: Innerhalb von 24 Stunden verwandeln sich die Larven in rund 65 Millimeter große Glasaale. In diesem Stadium wird es für sie gefährlich, denn sie werden illegal abgefischt. Dabei sind die Tiere vom Aussterben bedroht, der Handel ist nur mit behördlicher Genehmigung erlaubt, ein Export in Drittstaaten außerhalb der EU ist verboten. Als eine der größten Bedrohungen für den Bestand der Aale wird der illegale Handel mit Glasaalen angesehen. Die Polizeibehörde Europol geht von etwa 100 Tonnen Glasaalen aus, die von Europa jährlich nach Asien geschmuggelt werden. Das entspricht circa 350 Millionen Glasaalen. Laut einer Pressemeldung der Sustainable Eel Group (SEG) werden lediglich 30 Millionen Glasaale auf legalem Wege in den Verkehr gebracht. 

Rund zwei Millionen junge Glasaale wurden Anfang März wieder in der Havel, der Dahme sowie der Spree ausgesetzt. Die Glasaale waren Anfang Januar an der französischen Atlantikküste gefangen worden. Das Abfischen erfolgte mit einer zertifizierten, besonders nachhaltigen und schonenden Methode. Über die Aalversandstelle des Deutschen Fischerei-Verbands in Hamburg wurden sie mit einem LKW nach Berlin gebracht.

Der Aal gehört zu den heimischen Fischarten und hat eine wichtige ökologische Funktion. Er trägt unter anderem zur Wasserreinhaltung und zur Reduzierung der Fischbiomasse in den Gewässern bei. Die schlangenförmigen Fische werden etwa 20 bis 30 Jahre alt. Aber kein Aal laicht in der Havel oder irgendeinem anderen europäischen Gewässer. Zum Laichen wandern sie flussabwärts Richtung Atlantik zurück zur Sargassosee, wo sie nach dem Laichen sterben. Vor den Aalen in der Havel liegt dafür eine 5.000 Kilometer lange Reise. 

Von den Bahamas in die Havel. Zwei Millionen Glasaale kamen im März in die Berliner Gewässer (Foto: Fischereiamt Berlin)

Flusskrebse und Schildkröten

Für ihre lange Wanderung können sie sich mit Flusskrebsen stärken, die in der Havel oder auch im Flughafensee leben. Aale haben Flusskrebse buchstäblich zum Fressen gern. Da ihr fester Panzer nicht wachsen kann, häuten sie sich regelmäßig und sind dann eine willkommene Beute für Aale. Aber auch mit festem Panzer droht von den Flusskrebsen für Badende keine Gefahr. 

Ebenfalls friedliebend – aber exotisch – sind Schildkröten. „Sie werden aus falsch verstandener Tierliebe ausgesetzt“, sagt Ehlert. „Am Tegeler See sind es die Rot- und Gelbwangenschildkröten. Sie leben auch im Hermsdorfer See und Hubertussee. Die Tiere können lange überleben, wenn die Winter nicht zu kalt werden und der Boden nicht zu tief zufriert, aber sie vermehren sich nicht.“

Und wer schlängelt sich leise und unauffällig an Badegästen vorbei? Die Ringelnatter. „Die kleinen Schlangen meiden große Gewässer und halten sich mehr am Rand auf. Im Tegeler See kommen sie um die Inseln Baumwerder, Maiwerder und Valentinswerder häufiger vor“ berichtet Ehlert und fügt gleich hinzu: „Wenn man ein kleiner Frosch wäre, müsste man sich vor Ringelnattern fürchten, aber für Badegäste sind sie vollkommen harmlos.“

Bis zu 60 Taucher nehmen an den Clean Ups an der Greenwichpromenade teil (Foto: wirBERLIN)

730 Kubikmeter Müll

Wirklich problematisch ist indes das, was die Badegäste alljährlich an den Ufern hinterlassen. Berlins Ufer und Gewässer drohen zu vermüllen – obwohl Senat, Bezirke, Berliner Stadtreinigung (BSR) und private Initiativen unermüdlich gegen Verunreinigungen vorgehen. Allein die Müllschiffe der Berliner Senatsverwaltung haben zwischen März 2018 und Februar 2019 über 730 Kubikmeter Müll nur von der Oberfläche der Berliner Gewässer gefischt. 

Für mehr Sauberkeit unter Wasser ist im Bezirk unter anderem die Tauchschule Dive’n aktiv, die ihren Sitz in der Ollenhauerstraße hat. Sie engagiert sich aktiv im Umweltschutz. Zweimal im Jahr führen deren Taucher Reinigungsaktionen in Tegel durch, die „Beach CleanUps“. Seit 2006 hat der Tauchclub eine Patenschaft für die Greenwichpromenade am Tegeler See übernommen. Das Ehrenamt wurde vom damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert übergeben. Die Taucher nehmen das Amt sehr ernst. „Am 8. Juni starten wir erneut mit unseren Clubmitgliedern ein Clean Up an der Greenwichpromenade. Aber alle anderen Taucher sind herzlich willkommen“, erklärt Luxa Burgfeld von Dive’n.

Der 8. Juni ist bewusst gewählt. Seit 2009 wird auf der ganzen Welt der 8. Juni als Tag des Meeres von den Vereinten Nationen begangen, um auf den Wert und die Bedrohung der Weltmeere aufmerksam zu machen.

Die „Beute“ ähnelt sich in jedem Jahr: Glasflaschen, Plastikmüll, Dosen und Schuhe. „In der Regel fischen wir zwischen 400 und 1000 Kilogramm Müll aus dem Wasser“, sagt Burgfeld, „aber wir haben auch schon kuriose oder befremdliche Dinge aus der Tiefe gezogen wie Waffen und Munition, ein Motorrad, einen Container und einen aufgebrochenen Tresor.“ Rein zufällig finden die Gegenstände wohl kaum ihren Weg in die Havel. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Umwelt ist erstaunlich.

Gerade der Sommer strapaziert die Ufer und die Gewässer. Denn auf Wiesen und Uferstreifen bleiben Picknick-Reste liegen und stapelt sich Verpackungsmüll neben überfüllten Müllkörben. Ein Teil davon landet auch im Gewässer – mit schwerwiegenden Folgen für die Umwelt.

"Fundstücke" der Tauchaktion im Sommer 2017 (Foto: wirBERLIN)

Vandalen am Strand

„Die Säuberung der Strandbereiche am Tegeler See liegt im Verantwortungsbereich der Berliner Forsten. Es werden zwar alle Strandbereiche mindestens einmal wöchentlich gereinigt, in der Hauptsaison und bei schönem Wetter wird die Reinigungsfrequenz aber je nach Bedarf auf bis zu vier Reinigungsgänge wöchentlich erhöht,“ teilt Derk Ehlert mit und fügt hinzu: „Die aufgestellten verschließbaren Mülleimer werden leider regelmäßig durch Vandalismus beschädigt, sodass vor allem am sogenannten ‚Arbeiterstrand‘ bislang keine befriedigende Lösung gefunden werden konnte.“

Die Müllberge am Tegeler See waren im vergangenen Sommer gewaltig, es ging so weit, dass die Senatsumweltverwaltung Anzeige gegen Unbekannt erstattete. Sollen jetzt noch mehr Mülleimer und Container aufgestellt werden? Wie kann man der Berge von Tüten, Papptellern, Flaschen und Scherben Herr werden? Ganz einfach: Jeder packt das wieder ein, was er mitgebracht hat. Also, nach dem Chillen den Müll mitnehmen, dann bleibt es am und auch unter Wasser schön.



"Ein Strandbad zu öffnen, ist nicht komplex!"

Die RAZ im Gespräch mit dem Tegeler CDU-Abgeordneten Tim-Christopher Zeelen

Interview: Anja Jönsson

Das Strandbad Tegel bleibt auch 2019 geschlossen. Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) hat zwar  Ende  vergangenen Jahres im Auftrag der Grundstückseigentümerin BBB Infrastruktur GmbH & Co. KG, einer Schwestergesellschaft der Berliner Bäder-Betriebe, ein Interessenbekundungsverfahren für das ehemalige Strandbad Tegel durchgeführt. Sechs private Interessenten haben Ideen für die Nachnutzung des Strandbades eingereicht. Doch Pläne für eine Nutzung des Strandbades sind bisher nicht in Sicht. 

Die CDU Fraktion Reinickendorf sagt, dass mangelnde Unterstützung für Reinickendorfer Interessen im rot-rot-grünen Senat Hauptursache für die Schließung des Strandbades Tegel sei. Ist dem so?

Mit dem Regierungswechsel im Jahr 2016 zu Rot-Rot-Grün wurde das vorläufige Ende des Strandbads Tegel besiegelt. Zuvor hatte der Senat aus SPD und CDU immer eine Lösung für die Offenhaltung des Strandbads gefunden. Unter Rot-Rot-Grün haben die Außenbezirke ohnehin nicht so eine hohe Priorität wie die Innenstadt. 

Warum ist das Strandbad Tegel wichtig für den Bezirk – es gibt doch andere Badestellen?

Am Tegeler See gibt es zahlreiche öffentliche Badestellen, das ist richtig. Die Vorteile des Strandbads aber liegen klar auf der Hand: Umkleidekabinen, Duschen, Schließfächer, Gas­tronomie, Bademeister, Rutsche, Sprungturm, um nur einige zu nennen. Die öffentlichen Badestellen sind meist nur dürftig gepflegt, eine Badeaufsicht findet nur am Wochenende ehrenamtlich durch die DLRG statt. Für junge Familien ist ein Strandbad sicherlich die bessere Option.

Felix Schönebeck vom Verein „I love Tegel“ wollte im vergangenen Jahr das Strandbad als „öffentliche Badestelle“ provisorisch öffnen. Wie gefiel Ihnen die Idee?

Die Idee, dass das Strandbad Tegel vorübergehend von Reinickendorfern für Reinickendorfer geöffnet wird, finde ich klasse. Es gab ja bereits ein konkretes Konzept und Gespräche zwischen I love Tegel und den Berliner Bäder-Betrieben. Leider hat man die Ehrenamtlichen im Regen stehen und das Thema im Sande verlaufen lassen. Jeder Tag, an dem das Strandbad geschlossen ist, gerät es weiter in Vergessenheit. Langfristig – und so hatte es ja auch I love Tegel vorgesehen – muss jedoch ein privater Betreiber gefunden werden, der den Mehrwert eines Strandbads wieder bieten kann. 

Haben Sie noch Hoffnung für das Strandbad Tegel?

Ein Strandbad zu öffnen, ist nicht komplex, man muss es nur tun! Es gab nun ein Interessenbekundungsverfahren und eine Hand voll ernst zu nehmender Konzepte von privaten Betreibern. Wir werden jedenfalls weiterhin von politischer Seite alles dafür tun, dass das Strandbad Tegel wieder öffnet. Erfolgreich kann das nach meiner Einschätzung nur sein, wenn es eine Busanbindung und ausreichend Parkplätze vor Ort sowie ein attraktives ganzjähriges Angebot im Strandbad Tegel gibt. 

Wo werden Sie im Sommer baden gehen?

Als Familienvater zieht es mich in die Strandbäder Lübars oder Heiligensee. Beide Bäder werden seit Jahren mit viel Liebe geführt. Was mich besonders ärgert: Viele Familien in Reinickendorf können sich in den Sommerferien keinen Urlaub am Meer leisten. Dass SPD, Grüne und Linke das Strandbad verkommen lassen, ist auch aus sozialer Sicht eine Schande.

Danke für das Gespräch.

Tim-Christopher Zeelen (Foto: Büro Zeelen)

31. Mai 2019