Titelthema

Wo die wilden Tiere wohnen

Von der Ameise bis zum Zeisig: Reinickendorfs Großstadtdschungel unter der Lupe

Von Melanie von Orlow

Reinickendorf ist mal wieder spitze. Im aktuellen Jahresbericht des „Wildtiertelefons“, eines vom Land Berlin finanzierten Beratungsangebots beim NABU Berlin, betrafen 322 der 4.085 Beratungen den Fuchsbezirk im Berliner Norden. Zusammen mit Steglitz-Zehlendorf stellen die beiden grünen Bezirke die Spitzenreiter, und in beiden Bezirken ist das gleiche Wildtier offenbar „Problemtier Nr. 1“: der Rotfuchs. Mit großem Abstand folgen Waschbär und Wildschwein. Ein Trend, den Derk Ehlert als Wildtierbeauftragter Berlins bestätigt: „Waschbären haben in Reinickendorf definitiv zugenommen“, sagt er. „Problemtiere“ gebe es jedoch nicht – wer am Waldrand wohne, um Wildnis zu erleben, müsse mit der Anwesenheit von Wildtieren rechnen. Die meisten Pro­bleme sind mangelndes Wissen zu den verschiedenen Tierarten und hausgemacht; häufig durch absichtliche oder unabsichtliche Fütterung von Wildtieren. Hinzu kommen Interessenskonflikte, wenn der Waschbär wieder mal schneller bei der Kirschernte war oder die Wespen die Wärmedämmung zerlegen.

Mährobotern als Problem

Dabei sind es eher die Wildtiere, die für das Zusammenleben mit den Menschen zurückstehen müssen. Während zahlreiche ehrenamtliche Naturschützer wie die Bezirksgruppe Reinickendorf des NABU wieder Krötenzäune aufstellen und betreuen, bleiben viele andere menschengemachte Probleme ungelöst. Großes Thema in der Wildtierberatung sind die Kollisionen von Vögeln mit Glasscheiben sowie Tiere, die sich in Plastikmüll verstricken oder ihn samt Lebensmittelresten verspeisen. Ebenso tödliche Fallen sind eingegrabene, offene Regenwassertonnen und Pools sowie unsachgemäß verlegte Rattengiftköder. Auch Friedhöfe sind in der Verantwortung, die große Wasserbecken zum Auffüllen der Gießkannen bereithalten. „Reinickendorfer Friedhöfe sind vorbildlich“, lobt Tanya Lenn von der Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg e.V., „hier sind viele Wasserbecken mit Ausstiegshilfen versehen, damit sich ins Wasser gefallene Tiere retten können.“ „Zur Zeit aktuell sind Mähroboter“, beklagt Gabi Gaede vom Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V.: „Gesichtsverletzungen, Ohren abgeschnitten – die mähen da einfach rüber!“ Gerade die einfachen Geräte für unter 100 Euro würden nicht anhalten, wenn sie bei nächtlicher Arbeit auf einen futtersuchenden Igel stießen. Auch Tanya Lenn von der Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg e.V. beklagt den hohen Stress für ihre Schützlinge. Durch den Klimawandel und winterliche Baumfällungen gebe es kaum noch Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten für Eichhörnchen. 

Giftiger Dünger

Wenigen Gartenbenutzern seien die Gefahren des bekannten Blaukorn-Mineraldüngers bekannt, der häufig offen um die Pflanzen gestreut wird, wo er von futtersuchenden Eichhörnchen, Igeln und Mäusen gefressen wird. Genauso gefährlich sind auch Schneckenkorn und Ameisengift. Das in Ameisenködern eingesetzte Fipronil ist ein starkes Bienengift und wird durch den Lockstoff Zucker auch sehr attraktiv für die Blütenbesucher. Auf Pflastern eingetrocknete Reste oder stehengebliebene Pfützen solcher Lösungen führen daher immer wieder zu Vergiftungen an benachbart stehenden Bienenvölkern, die diese Zuckerquelle entdeckt haben. Im Garten sollte der Einsatz solcher Gifte wie auch die Nutzung von Elek­tro-Lichtfallen grundsätzlich unterbleiben. Letztere sind übrigens – wie auch die bekannten „Wespenfallen“ mit zuckrigen Köderflüssigkeiten – im Garten nicht erlaubt, da es sich um „unspezifische“ Fallen handelt, mit denen auch Schmetterlinge und Bienen gefangen werden.

Auch Licht setzt Tieren zu

Dank der immer günstiger werdenden LED-Technik hat sich zudem das Problem der Lichtverschmutzung verschärft. Eine aktuelle Studie der Universität Potsdam im dünn besiedelten Naturpark Havelland, einer der am wenigsten künstlich beleuchteten Regionen Deutschlands, zeigte die Auswirkungen auf die nächtliche Insektenwelt. Insbesondere der hohe Blauanteil in den kalt-weiß leuchtenden Gartenbeleuchtungen führt dazu, dass ein Teil der Tiere ihre Aktivitäten komplett einstellt, während andere nicht in der Lage sind, sich aus dem Bannkreis der Lampen zu entfernen und dort Fressfeinden oder der Erschöpfung zum Opfer fielen. Selbst Fische werden durch nächtliche Gewässerbeleuchtungen mutiger und verlassen nächtliche Verstecke.

Übereifer im Garten schadet zusätzlich. Laub wird über Bio-Tonne und Laubsack entfernt, anstatt unter Sträucher gefegt. „Bis Mitte April muss man jedoch mit dem Umsetzen von Kompost- und Reisighaufen warten, damit die dort überwinternden Igel nicht gestört werden“, warnt Gabi Gaede. Wer ruhende Tiere – ob Igel oder Hornissenköniginnen – bei der Gartenarbeit findet, sollte die Tiere in ähnlicher Situation weiter ruhen lassen. Regendicht abgedeckt, überstehen sie solche versehentlichen Störungen meist unbeschadet. 

Hornissennest in einer Garage

Wildtierhilfe – nicht ganz einfach

„Die Leute haben kein Interesse mehr“, beklagt Gabi Gaede vom Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V., „seit der Maueröffnung ist die Zahl von Auffangstationen stark zurückgegangen und wir sind überaltert.“ Aktuell seien rund 40 Igel in der Igelstation in der Olafstraße in Hermsdorf untergebracht, die untergewichtig oder verletzt sind und daher den Winter ohne Hilfe nicht überstanden hätten – all das koste Zeit, Mühe und Geld.

Der Nachwuchs für die Pflege und das Aufziehen von Igeln, Eichhörnchen, Vögeln und Co. geht aus. Die in der Regel rein auf Spendenbasis geleistete Arbeit, die zudem viel Platz und Fachkenntnis braucht, hat an Attraktivität verloren. Viele Finder hätten zudem das Gefühl, mit dem Finden und der Abgabe des Tieres bereits einen ausreichenden Anteil an der Rettung des Tieres geleistet zu haben, obwohl der echte Einsatz dann erst beginnt. Tierarzt, Medikamente und Futter verursachen Kosten, die die kleinen Vereine nicht stemmen können. Bei der Eichhörnchen-Hilfe Berlin/Brandenburg e.V. werden rund 150 Eichhörnchen jedes Jahr gepflegt, wobei manche bis zu einem Jahr Pflege benötigen, bis sie wieder ausgewildert werden können. 

Derk Ehlert verweist auf die Probleme, die zum Beispiel handaufgezogene Jungtiere verursachen können, da sie die natürliche Scheu vor dem Menschen verlören. Die richtige Auswilderung erfordere Spezialwissen – so seien ihren Revieren entnommene Igel beim Aussetzen in fremden Gebieten oft das erste Opfer von Füchsen. Man müsse sich daher auch auf die Arten konzentrieren, die im Bestand bedroht und speziell geschützt seien. Aus diesem Grund sei die Aufnahme und Aufzucht von Füchsen und Waschbären in Berlin nicht gestattet. Zudem sei nicht zu vermeiden, dass Leute die Tiere einfach nur loswerden wollen und sich dann solcher Stationen bedienten. Die beste Problemlösung ist die Akzeptanz der tierischen Mitbewohner ohne dabei auf klare Grenzen zu verzichten. Dazu gehört das Verschließen möglicher aber ungeeigneter Nist- und Wohnstätten.

Reineke Fuchs fühlt sich im Berliner Norden pudelwohl

Von Stadthabichten und Alexandersittichen

Viele Berliner Wildtiere sind gar nicht mehr so wild. Während der Marderhund bisher keinen Trend zur Verstädterung zeigt und nur vereinzelt in der Peripherie vorkommt, ist der Mink, ein Marder aus Nordamerika, im Vormarsch. Dahingegen ist die aus Südamerika stammende und einst häufige Nutria nicht mehr in Reinickendorf heimisch. Manche Exoten können sich durchaus eine Weile halten; darunter Schmuckschildkröten und auch der leuchtend grüne Halsbandsittich, der in den 1990er Jahren in Zehlendorf in einer kleinen Gruppe unterwegs war. „Nach unserer Auffassung überleben entkommene Vögel nicht länger als einen Tag; die meisten werden nach wenigen Stunden Opfer von Turmfalke, Habicht und Sperber“, erklärt Derk Ehlert. Denn die einst scheuen Greifvögel sind echte Städter geworden, die in Hinterhöfen nach Tauben Ausschau halten, berichtet der Wildtierbeauftragte Berlins. Geschätzte 10.000 bis 15.000 Stadttauben werden jährlich durch Habichte geschlagen.

Fledermäuse haben es schwer

Auch manche Eulen haben sich zu Städtern entwickelt. Während der Waldkauz schon lange entsprechende Nistkästen annimmt, sind in den letzten Jahren auch die Waldohreulen häufiger beobachtet worden. Schwierigkeiten haben dagegen die Fledermäuse, die unter dem Insektenrückgang und dem Verschließen von Quartieren durch Gebäudedämmungen und Baumfällungen leiden. Daher wird es immer wichtiger, über Nisthilfen und insektenfreundliche Hecken beispielsweise aus Pfaffenhütchen, Wildrosen und Kornelkirschen – nicht aber aus Thuja und Forsythie – den wilden Berlinern unter die Arme zu greifen. 

Keine Panik: Die Ringelnatter ist eine harmlose Schlange

Im Fuchsbezirk lebt jetzt auch der Biber

Die RAZ im Gespräch mit Derk Ehlert, Wildtierbeauftragter der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr

Interview Melanie von Orlow

Derk Ehlert ist Mitarbeiter in der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Träger des Bundesverdienstkreuzes und Vorsitzender einer Stiftung, die sich im Rahmen der NABU-Stiftung Nationales Naturerbe für den Erwerb und damit Sicherung naturschutzfachlich wichtiger Flächen einsetzt. Als Wildtierbeauftragter des Senats bietet er Führungen an und engagiert sich für die Berliner Wildtiere.

Welches Wildtier kommt Ihnen beim Bezirk Reinickendorf – außer Gevatter Fuchs – als erstes in den Sinn?

Tatsächlich, das ist das Wappentier des Bezirks! Meint man Reinickendorf insgesamt, würde der Steinmarder den zweiten Platz einnehmen; im Norden wäre es das Wildschwein und im Nordwesten der Waschbär. Das ist eine Art, die deutlich zugenommen hat in den letzten 20 Jahren.

Welche wichtigen Neuzugänge gibt es in Berlin?

Neu hinzugekommen ist der Biber. Reinickendorf ist nach Spandau einer der ersten Bezirke gewesen, in dem er lebte. Inzwischen kommt er in allen größeren Gewässern vor. Ich hatte vor zwei Jahren das Erlebnis, dass da junge Leute im Wasser waren, die einem Biber junge Weidenzweige anboten, die der zum Fressen annahm. Das war das wohl Skurrilste, was ich mit dieser Spezies erlebt habe.

Die meisten Menschen wollen Igel und Eichhörnchen im Garten, Wildschwein und Fuchs dagegen nicht – ist das zu bewerkstelligen?

Meistens betreffen die Beschwerden Grundstücke, die entweder gar nicht gesichert sind, oder bei denen die Tore offenstehen. Die Wildschweine können sich zwar unter einem Zaun durchwühlen, aber das tun sie nur sehr ungern. Sie können Zäune bis 1,20 Metern überspringen, aber auch das nur bei Gefahr. Daher ist das Einzäunen der wichtigste Tipp. Man sollte darauf achten, dass unten eine Handbreit Platz zwischen Boden und Zaununterkante ist, damit die kleineren Tiere in den Garten kommen. Waschbären und Füchse kommen allerdings über jeden Zaun. Wichtig ist, dass man auf dem eigenen Grundstück kompostiert und das Kompostmaterial nicht in den nahe gelegenen Wald trägt. So lockt man viele Wildtiere an den Waldrand, und dann ist der Weg in die Gärten ein kurzer.

Die AfD-Fraktion forderte in einem Antrag an die Bezirksverordnetenversammlung spezielle Schulungen für Reinickendorfer Schüler für den Fall, dass sie einem Wolf begegnen würden. Wie schätzen Sie die Lage ein – ist der Wolf für Reinickendorf überhaupt ein Thema?

Grundsätzlich sollten wir uns mit dem Thema Wolf beschäftigen. Wölfe wandern in der Nacht bis zu 100 Kilometer, und Berlin liegt im Wandergebiet der Tiere. Da kann dann auch mal einer in der Nacht durch den äußersten Rand des Bezirks laufen. Es besteht jedoch überhaupt kein Grund zur Angst. U-Bahn-Fahren ist deutlich gefährlicher. Und wenn man einem Wolf begegnet, sollte man gleich das Smartphone zücken und Fotos machen! Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Wölfe in der Stadt etablieren, ist sehr gering, weil das hier nicht der Lebensraum ist, den Wölfe bevorzugen.

Viele fürchten Krankheiten durch Wildtiere – ist das begründet?

Eigentlich nicht. In Berlin werden regelmäßig Füchse auf den Fuchsbandwurm untersucht, aber bisher noch ohne Nachweis. Womöglich liegt das daran, dass die Füchse hier eher Ratten und Müll fressen als Mäuse. Die Fuchstollwut ist ausgestorben, doch bei Fledermäusen kommt sie noch vor. Daher immer Handschuhe anziehen, bevor man Fundtiere aufhebt!

Vielen Dank für das Gespräch.


BILDNACHWEIS

14. März 2019

Wildtiertelefon: 

(030) 54 71 28 91

Mo bis Do 9 bis 17 Uhr, 

Fr 9 bis 15 Uhr, 

wildtiere@nabu-berlin.de 

Wildtier-Informationen des Landes Berlin:

www.berlin.de/senuvk/forsten/wildtiere/index.shtml 

Wildtier-Informationen der Berliner Forsten:

www.berlin.de/senuvk/forsten/faq/de/wild.shtml 

Arbeitskreis Igelschutz Berlin e.V.:
www.igelschutzberlin.de 

Eichhörnchenhilfe Berlin e.V.:

www.eichhoernchenhilfe-­berlin.de 

Infos zu Fledermäusen:
www.bat-ev.de/index.php/fledermaus-gefunden-was-tun/fledermaus-­gefunden  

Wildvogelstation des NABU Berlin:

berlin.nabu.de/stadt-und-natur/projekte-nabu-berlin/wildvogelstation/index.html 

Klinik für kleine Haustiere, Abteilung für Heim-, Zoo- und Wildtiere in Düppel (Behandlung verletzter Wildtiere):

www.vetmed.fu-berlin.de/einrichtungen/kliniken/we20/abteilungen/heim_zoo_wild/index.html 

Wildtier-Beobachtungen melden/verfolgen:

https://www.naturgucker.de