Soziales & Familie

Kunst mit Engagement

Die Ernst-Litfaß-Schule erhält den Franz-Bobzien-Preis

Von Margrith Frei Krause

Sie beeindrucken sehr, die zwölf  mehrfarbigen Drucke, die die Stationen im Leben der jungen Ilse Heinrich darstellen. Zwölf Schülerinnen und Schüler der Ernst-Litfaß-Schule haben sich mit dem Schicksal dieser Frau auseinander gesetzt, die das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hat. Am 22. April wurde den Jugendlichen des Oberstufenzentrums für Mediengestaltung und Medientechnologie im Rahmen der Verleihung des Franz-Bobzien-Preises für ihre künstlerisch anspruchsvolle Serie von Drucken der zweite Preis verliehen. Eine kleine Abordnung der zwölf Preisgewinner ist mit ihrem Lehrer Ingo Grollmus nach Sachsenhausen gereist, wo die Preisverleihung am 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen stattgefunden hat. 

Die RAZ traf sich ein paar Tage später mit fünf der jugendlichen Preisgewinner und ihrem Lehrer. Ingo Grollmus berichtet davon, wie die ganze Gruppe im Juni 2017 ein fünftägiges Seminar in der Gedenkstätte Ravensbrück verbracht hat. Gewohnt haben sie in im eigens für Schülergruppen umgebauten ehemaligen Aufseherinnenhaus: „Von der Recherche bis zu den fertigen Drucken musste alles in den fünf Tagen erledigt sein!“ Und ergänzt: „Manchmal haben wir bis nachts um zwei Uhr gedruckt.“ Eine Schülerin erzählt vom persönlichen Treffen der Gruppe mit der Zeitzeugin Ilse Heinrich, die im Jahr 1924 geboren wurde und heute in der Nähe der Ernst-Litfaß-Schule lebt. „Sie wurde im August 1944 ins KZ Ravensbrück verschleppt, weil sie von den Nazis als ‚arbeitsscheu‘ und ‚asozial‘ bezeichnet wurde.“ Einer der Drucke zeigt auch den sogenannten „schwarzen Winkel“, den die Häftlinge an ihrer Kleidung tragen mussten, die mit diesen Attributen stigmatisiert wurden. Ein anderer Schüler erinnert sich an die Gefühle, die der Aufenthalt in der Gedenkstätte ausgelöst hatte: „Es war sehr interessant, aber auch bedrückend und traurig – man weiß zum Beispiel nicht, ob man an so einem Ort lachen darf und fröhlich sein“. Der RAZ fällt auf, dass Ilse Heinrich im KZ genau so alt war wie die jugendlichen Preisgewinner heute. Den Zwanzigjähren ist anzusehen, dass sie diese Tatsache betroffen macht. Im Alter von zwanzig Jahren war Ilse Heinrich bis zur Befreiung durch die Russen im April 1945 Häftling im KZ Ravensbrück. Ilses Geschichte beginnt mit der erneuten Heirat ihres Vaters, als sie noch ein kleines Mädchen war. Die neue Frau lehnte sie ab und sie wurde auf fremde Bauernhöfe geschickt als Arbeitskraft. „Weil sie dort wegläuft“, erzählt eine Schülerin, „muss sie ins KZ, wo sie hart arbeiten muss und gequält wird“. Besonders hinweisen möchte Ingo Grollmus, der begleitende Lehrer, auf das „doppelte Schicksal“ von Ilse Heinrich, die seine Schülerschaft zur Druckserie inspiriert hat: „Nach der Befreiung aus dem KZ war Ilse Heinrich weiterhin als Außenseiterin abgestempelt. Erst in den 1990er Jahren erhielt sie einen behördlichen Bescheid, der ihr die staatliche Anerkennung als Verfolgte zusicherte und ihr zu einer kleinen Zusatzrente verhalf“. Auch 2018 ist Erinnerungskultur an die NS-Zeit noch notwendig. Die RAZ gratuliert zu diesem Preis!  

8. Mai 2018

Foto: Margrith Frei Krause