Historisches

Der Welt größter Pilz und sein kleiner Bruder

Bewegte Geschichte der Frohnauer Wetterpilze – Einzigartige Phänomene

Von Inka Thaysen

„Ein so riesiger Wetterpilz ist mir auch nach fast zehnjähriger weltweiter Recherche noch nie begegnet!“ sagt Klaus Herda, seines Zeichens internationaler Forscher zum Phänomen ‚Wetterpilz‘ über das Exemplar am Frohnauer Sigismundkorso. Es ist einer seiner erklärten Lieblinge, „weil er auch noch eine unfassbar breite Schirmfläche besitzt – im Durchschnitt über sechs Meter. Und die Proportionen sind perfekt ausgewogen.“ Mehr als 100 Jahre hat die Konstruktion bereits auf dem Hut, genau wie ihr kleinerer „Kollege“ am Pilzteich. 

Und nicht nur das verbindet die beiden, denn beide gestaltete der bekannte Architekt Carl Stahl-Urach im Zusammenhang mit der Planung der „Schmuckplatz­anlagen“, wie sie der damalige Gartendirektor Ludwig Lesser vorsah… „Verblüffend, dass dabei nicht zwei baugleiche Pilze erstellt worden sind“, findet Herda. 

Der Wetterpilz am Sigismundkorso steht nun also seit 1911 am Platz. Wobei, so ganz stimmt das nicht, denn bei Fundament-Arbeiten 1987 kippte der angeblich 17 Tonnen schwere Koloss einfach um und musste mühevoll aufgerichtet werden. Auch sonst erfuhr er die eine oder andere notwendige Instandsetzung: Früher war sein achteckiges Dach nicht mit Reet, sondern Ziegeln bedeckt, erinnert sich der Ur-Frohnauer Klaus Pegler an die Nachkriegszeit. Noch heute angetan zeigt er sich von der Zwischendecke, die das Ziel vieler kletternder Kinder gewesen sei. Nicht weit weg, an der Oranienburger Chaussee, befindet sich der zweite Frohnauer Wetterpilz, dem der dortige Teich, die Haltestelle oder das 1920 errichtete Café ihre Namen verdanken. Er bildet einen von drei markierten Eingängen, die die Gartenstadt in gutem Licht erscheinen lassen sollten, wissen beide Experten. Auch über die weiteren Jahre bekam er deutlich mehr Aufmerksamkeit als sein größerer Bruder, denn unter anderem ereilte ihn 1977 ein spektakuläres Schicksal: Nach einem Brand musste er komplett neu errichtet werden, in Kopie also. Doch damit nicht genug der Schlagzeilen, denn als es 2003 erneut an seine Sanierung ging, war nicht genug Geld im Bezirkssäckel. Die Gewobag sollte als privater Partner aushelfen, versah den Pilz allerdings erst einmal mit Eigenwerbung… zum Ärgernis vieler Frohnauer. 

Abbruch tat all dies dem kleineren der beiden Wetterpilze am Ende aber nicht, hat er es doch sogar in die Denkmalliste des Landes geschafft: Dort findet man ihn als „Straßenunterstand, um 1910“. Wer also zuerst da war, er oder der Riesen-Schirm am Sigismundkorso – übrigens auch ein Denkmal – bleibt also offen. Interessant: Wenngleich es in der Stadt durchaus andere Rastpilze gibt, unter anderem am Flughafensee, findet sich kein weiterer von ihnen in der Denkmal-Aufstellung.

Die Frohnauer Wahrzeichen sind also einzigartige Phänomene und ein wichtiger Bestandteil dessen, was Experte Klaus Herda auf seiner Website (wetterpilze.de) beschreibt: Er sieht Wetterpilze als „ein globales Gesamt-Kunstwerk“.

Bild oben: "Am Pilzteich" - Klaus Pegler, Frohnau | Bild unten: "Am Sigismundkorso" - Klaus Herda, wetterpilze.de)

23. Dezember 2018