Panorama

Café Rückenwind in St. Rita

Charity - Initiative für inhaftierte und haftentlassene Männer

Von Daniele Schütz-Diener

Kaum jemand kann sich vorstellen, was es bedeutet, für alles verantwortlich zu sein, wenn man über Jahre entmündigt war“, erklärt Pfarrvikar Stefan Friedrichowicz. Der Seelsorger, der acht Jahre hauptberuflich in der Gefängnisseelsorge in der Justizvollzugsanstalt Tegel beschäftigt war, übernahm vor zwei Jahren noch weitere Aufgaben in den Reinickendorfer Kirchengemeinden. So entstand die Idee, mit anderen Seelsorgern die Initiative „Café Rückenwind“ in der katholischen Kirchengemeinde St. Rita zu gründen, die haftentlassene Männer bei Ihrer Rückkehr und Eingliederung in die Gesellschaft unterstützt. Es sollte ein einladendes Angebot sein, das sich ohne Ansehen der Person, des Haftgrundes, der Hautfarbe oder der Religionszugehörigkeit grundsätzlich an alle Männer richtet.

Jeden zweiten und vierten Donnerstag im Monat halten Frauen und Männer der Initiative in den Gemeinderäumen von St. Rita in der General-Woyna-Straße 55 die Türen offen, kochen Kaffee, backen Kuchen und empfangen zwischen vier und acht Freigänger, Ausgänger und Haftentlassene. 

Jeder ist eingeladen, das „Café Rückenwind“ zu besuchen, um mit Menschen dort zu reden und zuzuhören. Es gibt Tipps für Ämter, Hilfe für Jobs und Umzüge und praktische Verhaltensregeln. Außerdem helfen Haftentlassene bei der Mitarbeit in sozialen Projekten und Suppenküchen. „Wir laden jeden dazu ein, bei uns zu sich selbst zu finden“, erläutert Stefan Friedrichowicz. Bei jedem Treffen werden auch Themen zur Diskussion vorgegeben, mit denen man Vertrauen schaffen kann, oder die nachdenklich stimmen.


„Kommt darauf an, wie gut du mitschwimmst“

„Wenn ich authentisch bin, spiele ich keine Rolle“, antwortet ein Teilnehmer auf das Thema „Identität und Rolle“ vom letzten Treffen. Einer der Freigänger beantwortet die Frage nach der Häufigkeit seiner Freigänge mit: „Es kommt immer darauf an, wie gut du da drinnen mitschwimmst!“ Darüber hinaus ist es auch wichtig, in den Gesprächen zu erfahren, wie man eine Möglichkeit findet, Nähe zuzulassen und dennoch professionellen Abstand zu schaffen. 

Die Initiative hofft auf weitere Arbeitgeber und Sozialträger, die Freigänger beschäftigen, damit diese nach der Haftentlassung wieder ein geregeltes Leben in Freiheit beginnen können.  Gerne werden auch Angebote von Möbeln und Hausrat zur Vermittlung an Haftentlassene angenommen. Um auch im öffentlichen Raum des Stadtbezirks als Ehrenamtliche anerkannt zu werden und die Initiative auf eine breitere und professionelle Basis zu stellen, wurde am 5. März der SKM Berlin e.V. (Sozialdienst katholischer Männer) in St. Rita gegründet. Der SKM Berlin e.V. hat das Ziel, Jugendlichen und Männern, die durch gewaltbereites Verhalten auffällig wurden, mit Trainings, Gesprächen, Gemeinschaftserfahrungen und Spiritualität zu helfen, ihre eigentliche Rolle und ihren Platz in der Gesellschaft (wieder-) zu finden.

Wer die Gemeinde St. Rita und ihre Arbeit kennenlernen möchte, ist zum Eröffnungs-Gottesdienst am 15. September um 15 Uhr eingeladen.

24. Juli 2018

Foto: Daniele Schütz-Diener