Bild: Maximilian Voigt


Panorama

Meine Freundin mit dem harten Panzer

Edith aus der Freien Scholle ist seit 45 Jahren stolze Besitzerin einer Landschildkröte

Von Maximilian Voigt

Tegel – Am 23. Mai war Welt-Schildkröten-Tag, mit dem auf Programme zum Erhalt der heute mehr denn je vom Artensterben bedrohten und aufgrund ihres Aussehens urzeitlich anmutenden Tierspezies hingewiesen werden soll. Gleichzeitig soll das Bewusstsein für die artgerechte Haltung der Reptilien in Privathaushalten gestärkt werden.

Edith wohnt seit fast 55 Jahren in der Freien Scholle. Sie weiß längst, worauf es ankommt, um einem Panzertier ein schönes Leben bieten zu können. Denn seit Mitte der 1970er Jahre – seit dem Tag, an dem ihrem Sohn das erste Schulzeugnis ausgehändigt wurde – teilt sich die Rentnerin Haus und Garten mit einer griechischen Landschildkröte. Warum sich ihr Nachwuchs damals ausgerechnet dieses Tier sehnlichst als Mitbewohner gewünscht hatte, weiß die Seniorin nicht mehr genau. „Aber noch immer ist es so, dass der erste Weg meines Sohnes, wenn er mich besuchen kommt, zur Schildkröte führt“, versichert Edith und berichtet davon, dass sie tierärztliche Untersuchungen an ihrer Schildkröte anfangs im Berliner Zoo vornehmen ließ. Dort wurde auch das Geheimnis um das Geschlecht gelüftet – es handelt sich um ein Weibchen.

Als Tagesration vertilgt das Panzertier nur drei Handvoll Salat. „Dass man davon leben kann, finde ich erstaunlich“, sagt Edith, die aber auch beobachtet, wie ihre tierische Lebensbegleiterin im Garten an Grashalmen oder einem Kraut knabbert. Den Kontakt mit Wasser meidet die Schildkrötendame hingegen. „Selbst wenn sich auf den Steinplatten nur eine winzige Pfütze gebildet hat, geht sie konsequent außenrum.“ Einmal in der Woche gibt es für das kleine Reptil jedoch kein Entkommen vor dem Nass. Dann nämlich, wenn sich Edith dazu entschließt, den Panzer und die Unterseite ihrer Schildkröte gründlich zu reinigen. „Da strampelt sie wie eine Irre mit den Armen und Beinen“, sagt die Ruheständlerin, die ihrem Haustier das Bad auch unmittelbar vor dem Winterschlaf verordnet, auf den es sich durch völligen Nahrungsverzicht bereits Anfang September vorbereitet. Die kalte Jahreszeit verbringt die Schildkröte im Keller des Hauses, ihren Schlafbehälter dunkelt Edith mit einer Decke dazu vollständig ab.

Im Sommer muss die Seniorin im Garten mitunter lange nach ihrer tierischen Mitbewohnerin suchen. „Wenn sie sich mal so richtig in den Boden eingewühlt hat, guckt nur noch die Schwanzspitze aus der Erde heraus, mit etwas Glück auch ein Beinchen“, erzählt Edith. Dennoch sei es in all den Jahren nur einmal vorgekommen, dass ihre Schildkröte über Nacht wegen Unauffindbarkeit draußen bleiben musste. Ansonsten darf sie nur unter Aufsicht ins Freie. „Es treibt sich hier ja gelegentlich ein Fuchs herum“, weiß Edith um die größte Gefahr für ihr Tier. 

8. Juni 2019