Nach der Nutzung als Hotel, Arbeitsagentur und Unternehmensberatung wurde 2009 in dem Gebäude die Rehaklinik Medical Park Berlin eröffnet (Foto: Archiv H. Wolf)


Panorama

Wo einst die Humboldtmühle stand

Bis 1988 wurde am Tegeler Fließ kurz vor dem See eine Großmühle betrieben

Von Andrei Schnell

Am bundesweit stattfindenden Mühlentag am Pfingstmontag, 10. Juni, beteiligen sich auch etwa 170 Mühlen in Berlin und Brandenburg. Im Vordergrund an diesem „Tag der Offenen Tür“ steht die Mühle als technisches Kulturgut, dessen Geschichte über 2.000 Jahre zurückreicht. Einige Mühlen in Berlin können kostenlos besichtigt werden. In Berlin sind dies traditionell die Bockwindmühle in Berlin-Marzahn und die Britzer Mühle (vormals Stechan‘sche Mühle). Die Humboldtmühle in Tegel steht zwar nicht auf der Liste, aber es lohnt ein Blick auf ihre Geschichte:

1988 war Schluss für den Mahlbetrieb der Humboldtmühle, die sich am Tegeler Fließ kurz vor dem See befand. „Kostengründe“, wie das Online-Lexikon Wikipedia schreibt, zwangen zur Aufgabe des traditionsreichen Unternehmens. Dabei war gerade erst ein Jahr zuvor, 1987, ein neuer Stichkanal zur Tegeler Humboldtmühle fertig geworden, der für Schiffe bis 1.000 Tonnen befahrbar war. Die vorhandenen Fabrikbauten wie das hohe Getreidesilo, das Mühlengebäude und eine Villa stehen heute unter Denkmalschutz. 

Seit dem 14. Jahrhundert befand sich in Tegel am Fließ eine Mühle. Doch schon ab 1847 war Wasserkraft altmodisch. Unromantisch ohne Wasserrad, dafür qualmend mit Dampfkraft wurde ab dieser Zeit maschinell gemahlen. Der damalige Mühlenmeister Johann Gottlieb Thießen hatte eine 20 PS starke Dampfanlage gekauft und eingebaut. Nur wenig später wurde das Fließ vertieft, um die Mühle vom Tegeler See aus per Schiff erreichen zu können. Grund für die Investition war die 1810 in Preußen eingeführte Gewerbefreiheit. Seitdem war der Besitz einer Mühle nicht länger mehr die Lizenz zum Gelddrucken; wer am Markt bestehen wollte, musste Größe vorweisen. Im 19. Jahrhundert wuchs die Anlage zur Großmühle heran. Erst in dieser Zeit erhielt sie den Namen Humboldtmühle, und eine eigene Aktiengesellschaft wurde gegründet. 1930 wurde die Tegeler Mühle von dem Unternehmen „Victoria Mühlen“ komplett übernommen. 1964 galt die Humboldt-Mühle, drei Jahre zuvor mit Elektromotor ausgestattet, als leistungsstärkste Mühle Westberlins. 

Der heute noch weithin sichtbare Getreidespeicher wurde 1940 neu erbaut, nachdem der alte abgebrannt war. Das 1848 errichtete „Beamten-Wohnhaus“ war eine Villa für die damaligen Direktoren und ist heute das älteste Haus auf dem Gelände. Das markante Mühlengebäude aus roten Ziegelsteinen in der Straße „An der Mühle“ wurde 1913 fertig. 

Der Name Humboldtmühle lässt vermuten, dass auch die Humboldts die Mühle einmal besaßen. Tatsächlich kaufte 1776 der Vater der Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt das Gebäude. Es blieb 34 Jahre lang im Familienbesitz. Der Besitz einer Mühle war bis zum Ende des Mühlenzwangs 1810 ein lohnendes Geschäft. Nach der Aufgabe des Mahlbetriebs 1988 wurde das Gelände aus Sicht von Denkmalschützern „vorbildlich“ zu einem Hotel- und Kongresszentrum umgebaut. Der Schornstein, bis dahin eine Landmarke, war nach dem Umbau allerdings verschwunden. 

30. Mai 2019