Panorama

Hebammentag : „Was gibt es Wichtigeres?“

Hebamme Sabine Quante hilft seit fast 50 Jahren kleinen Erdenbürgern beim Start ins Leben

Von Anja Jönsson

Berlin/Bezirk – Deutschlands Kreißsäle sind lebenswichtig. Frauen und Neugeborene müssen dort bestmöglich versorgt werden. Die Situation wird aber von Jahr zu Jahr schlechter. Der Hebammentag am 5. Mai fand in diesem Jahr unter dem Motto „Hebammen verteidigen Frauenrechte“ statt. Der Deutsche Hebammenverband (DHV) forderte in dem Zusammenhang eine gute Geburtshilfe mit einem Geburtshilfe-Stärkungsgesetz.

Trotz Widrigkeiten übt Sabine Quante aus Reinickendorf mit Leidenschaft ihren Traumberuf aus – seit knapp 50 Jahren. Eine 100-Stunden-Woche (!) war bis vor kurzem vollkommen normal. „Bei Wochenenddienst und Nachtdiensten kommen die Stunden schnell zusammen“, resümiert Quante. Als sie 1970 anfing, mussten die freiberuflichen Hebammen noch streng Buch führen. Hier mussten alle von ihr begleiteten Geburten für den Amtsarzt aufgezeichnet werden. In den 1990er Jahren wurde die Regelung abgeschafft. „Glücklicherweise…“, seufzt sie. Aber die Buchführung hatte auch einen Vorteil. Anhand der Aufzeichnungen kann sie gut schätzen, wie vielen Kindern sie im Laufe der Zeit auf die Welt geholfen hat. „Um die 10.000 müssten es sein.“ Und berührten sie die Geburten? Ganz schlechte Frage. Das werde immer gefragt. Wichtig ist für sie, dass eine Geburt läuft, dass Mutter und Kind gesund sind. „Geburtshilfe ist für mich Routine. In Erinnerung bleiben natürlich dramatische Situationen.“

Lange hat die 70-Jährige in Frohnau gewohnt. Jetzt lebt sie auf dem Land und widmet sich neben der Gartenarbeit auch der Imkerei und einigen Schafen. Unterbeschäftigt ist Sabine Quante auch in ihrer Freizeit nicht. Ihre zwei Kinder sind schon lange aus dem Haus, neu ist dagegen ihr großer Windhund aus Spanien. Mit dem ist sie täglich auf Achse. Die tatkräftige Frau hat Temperament. „Dabei bin ich die Ruhige, meine Zwillingsschwester ist viel lebhafter.“ Und ihre Schwester Petra ist wie sie – Hebamme. Während Sabine ab August kürzer treten will, „nur noch 50 Stunden die Woche…“, denkt Petra noch nicht daran, einen Gang zurückzuschalten. 

Die beiden Schwestern arbeiten nach wie vor als Beleghebammen im Virchow-Krankenhaus. Ist in vielen Berufen der Jugendwahn ausgebrochen und haben es Frauen jenseits der 40 schwer sich zu behaupten, beweist die Virchow-Klinik, dass man auf ältere Arbeitnehmerinnen zählen kann. Sieben Beleghebammen zählt das Team. Neben Sabine und Petra sind zwei weitere Kolleginnen auch schon alte Hasen, eine ist 69 und die älteste unter ihnen 74. Ans Aufhören denkt keine. Das zeigt, mit welchen Enthusiasmus alle den Beruf leben. Gibt es nichts, was bemängelt werden könnte? „Klar, die Gehälter sind niedrig“, beklagt Sabine Quante. Auch würden die Sätze der Gebührenordnung stets nur minimal erhöht werden. „Jungen Frauen muss klar sein, dass sie mit einer 20- oder 30-Stunden-Woche als freie Hebamme nicht zurechtkommen können.“ Die 70-Jährige nimmt zudem in Kauf, dass sie am Tag auch mal 180 Kilometer fahren muss, um alle ihre Mütter betreuen zu können. „Zeitmanagement ist ganz wichtig, ich muss alle Routen gut planen.“

Dass die Geburtshilfe heute moderner geworden ist, begrüßt sie. Dennoch hat sie ihren mobilen Wehenschreiber wieder abgeschafft und vertraut lieber ihrem Pinard-Hörrohr, um Herztöne zu kontrollieren. Sie bedauert, dass der Tastsinn mit den Händen und das Gehör nicht mehr so viel angewendet und damit auch verlernt wird. Stünde Sabine Quante heute noch einmal vor der Berufswahl, sie würde wieder Hebamme werden wollen. „Ich kann so viel positiv beeinflussen. Ich begleite Mutter und Kind durch die Geburt, dass keinem etwas passiert.“ Was gibt es Wichtigeres?

11. Mai 2019