Panorama

Von (Mäusen) Ratten und Menschen

Von Melanie von Orlow

Die Ratten sind los: In Tegel-Süd war es wohl das Thema der letzten Wochen – eine offenbar über längere Zeit mittels eines besonders verdreckten Müllplatz gepäppelte Rattenkolonie wurde DAS gesundheitspolitische Thema der Region. 

Dabei dürften gerade die Schädlingsbekämpfer über vergleichbare und weitaus diskreter abgelaufene Bekämpfungen berichten können, die nicht mal in die offiziellen Statistiken des Landesamtes für Gesundheit und Soziales Eingang gefunden haben. 

Ratten sind Alltag in Berlin, wenn auch ein gerne ignorierter. Die allgemeine Empfehlung, Toilettendeckel zwischen der stimmungsgemäßen Verwendung des WCs geschlossen zu halten, ist daher nicht nur dem Umstand geschuldet, dass ansonsten mit jeder Toilettenspülung Darmbakterien bis auf die Zahnbürste transportiert werden können. Denn auch die Ratten mögen es zur Familiengründung trocken und suchen dann auch mal über die Toilette den Weg an neue Ufer. 

Dabei ist die Rattenfurcht eher ein historisch gepflegtes Kulturgut als gut begründete Vorsicht: Die vom Rattenfloh übertragene Beulenpest benötigte das enge Miteinanderleben zwischen Mensch und Ratte, wie es zuletzt im Mittelalter hier in Europa gepflegt wurde, und so werden Pestausbrüche heutzutage vor allem aus den Slumgebieten in Indien und Madagaskar gemeldet. 

Auch die restlichen 119 Krankheiten, die man so auf und in einer Ratte finden kann, führen nur extrem selten zu Erkrankungen beim Menschen (die dann als Zoonosen bezeichnet werden). Im infektionsepidemiologischen Jahrbuch des Robert-Koch-Institutes (RKI) finden sich unter den Top-Ten der meldepflichtigen Zoonosen vornehmlich Urlaubsmitbringsel wie Malaria und Dengue-Fieber sowie die von Hund und Katze übertragenen Giardien, an denen allein fast 400 Berliner und Berlinerinnen pro Jahr erkranken. Da sollte man sich wohl eher Gedanken machen, wenn der Wuffi vom Nachbarn unter tröstenden Worten „Der tut nix“ über das Gesicht des Nachwuchses schleckt, als wenn eine Ratte über den Sandkasten huscht.

Doch gerade weil die Ratte so ihren schlechten Ruf weg hat, und ja keiner hören mag, dass man ja irgendwie selbst daran schuld sei, wenn so viel nahrhafter Müll neben die Tonnen fällt, eignet sie sich so wunderbar für politischen Aktionismus. Vor allem immer dann, wenn der zuzuordnende Bezirksstadtrat noch dem politischen Gegenlager angehört. Und so werden kostbare Minuten der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) mit politischen Scharmützeln gefüllt, und wieder mal bleibt der gesunde Menschenverstand samt zahlreicher Anträge auf der Strecke. 

Anders kann wohl die jüngste BVV kaum erklärt werden, in deren fünf Stunden praktisch nur die demokratische Auseinandersetzung gepflegt wurde. So stehen die Ratten sinnbildlich für einen weitaus größeren Schaden: Das Nagen an den Kernfunktionen der BVV wie der Kontrolle des Verwaltungshandelns. So wird die Demokratie beschäftigt, und man schafft weiter wie bisher – unbehelligt vom Wahlvolk und dem politischen Gegner. Leider ist diese Zoonose bisher weder melde- noch behandlungspflichtig.

8. Mai 2018

Foto: pixabay