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Auch eine Insel kann ein Denkmal sein

Am „Tag des offenen Denkmals“ zeigt Reinickendorf überraschende Orte

Von Christian Horn

Immer am zweiten Septemberwochenende jeden Jahres findet der „Tag des offenen Denkmals“ statt. Der seit 1993 von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz bundesweit organisierte Denkmaltag ist laut Stiftung „die größte Kulturveranstaltung Deutschlands“. In Berlin gibt es in der vom Landesdenkmalamt koordinierten Veranstaltung an über 300 Denkmalorten Führungen, Vorträge und Denkmalfeste. Reinickendorf bietet mit 17 Denkmalorten ein überschaubares, aber vielfältiges Programm. Neben den bekannteren Denkmalorten wie Hannah Höchs Haus mit Hausgarten oder die Weiße Stadt als UNESCO-Welterbe und ikonisches Baudenkmal der Moderne finden sich gerade in Reinickendorf Denkmalorte, die beweisen, dass ein Denkmal „nicht immer ein altes Gemäuer“ sein muss, wie ein lokaler Organisator des Denkmaltages bemerkte. Auch eine Insel wie die Insel Scharfenberg im Tegeler See, ein bestimmtes Waldstück wie im Frohnauer Forst oder gleich ein ganzes Dorf wie Alt-Lübars kann ein Denkmal sein und ein reizendes noch dazu. 

Mit dem diesjährigen Themenschwerpunkt „Moderne“ am Denkmaltag und dem 100-jährigen Bauhaus-Jubiläum fokussiert sich in diesem Jahr das Interesse auf die ausgewiesen modernen Bauwerke im Bezirk, allen voran die Weiße Stadt. Der 1931 fertiggestellte Gebäudekomplex mit dem markanten Brückenhaus über die Aroser Allee gilt als Paradebeispiel für den wegweisenden Wohnungsbau der Weimarer Zeit, der „modernes Wohnen“ auch für die ärmeren Schichten zugänglich machen wollte. Für die Führungen am Denkmalwochenende hat die jetzige Eigentümerin, die Deutsche Wohnen, einen City-Guide engagiert, der Architektur, Geschichte und Bedeutung der Anlage als Welterbe erläutern wird.

Architektur-Spaziergänge Cité Foch und Cité Pasteur

Die Architekturfotografin Mila Hacke kennt sich bestens aus in den Alliiertensiedlungen Reinickendorfs. Sie hat die Cité Foch und die Cité Pasteur fotografisch erkundet. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa hat ihr Projekt untestützt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit präsentiert Hacke auf Spaziergängen am Denkmalstag. „In den Cités gibt es schöne Beispiele dafür, wie sich die Architektur der Nachkriegsmoderne nahtlos an die Moderne der Vorkriegszeit anschließt“, erklärt die Fotografin. „Auf den Spaziergängen zum Denkmaltag versuche ich zu zeigen, was innerhalb dieser Alliiertensiedlungen noch an spannendem Architekturerbe da ist. Es gibt hier zwar nicht so viele Gebäude, die unter Denkmalschutz stehen. Dafür gibt es aber eine Menge ungeschützte Gebäude, die meiner Ansicht nach absolut denkmalwürdig sind.“

Das Schwimmbad in der Cité Foch

Reinickendorfs Denkmal-Inseln

Am südlichen Ende des Tegeler Sees liegt die Insel Scharfenberg. Auf Scharfenberg gründete der Reformpädagoge Wilhelm Blume 1922 die Schulfarm Insel Scharfenberg. Die Schule besteht bis heute und ist übrigens Berlins einziges Gymnasium mit angeschlossenem Internat. „Das älteste erhaltene Gebäude hier geht auf das 17. Jahrhundert zurück. Wir haben aber durchaus auch ‚moderne‘ Gebäude. Der Schulgründer Blume holte den Architekten Richard Ermisch auf die Insel, der hier Ende der 1920er Jahre einige Gebäude im Stil der neuen Sachlichkeit errichtete“, erzählt Gertraud Mariam Zotter, die an der Schule Kunst unterrichtet und die Denkmaltag-Führungen organisiert. „Bei uns leiten traditionell Schüler die Inselführungen. Im Halbstunden-Takt holen sie die Besucher von der Fähre ab und führen sie über den vorher ausgearbeiteten Parcours. Das ist für die Schüler unglaublich aufregend, aber danach feiern wir immer mit einem Eis.“

Ein kleines Stück südlich von Scharfenberg liegt mit der Insel Valentinswerder ein weiteres Denkmal-Kleinod im Tegeler See. Der Bauunternehmer Paul Haberkorn erwarb 1874 die damals verwilderte Insel und errichtete darauf eine Landhauskolonie. Die Insel ist bis heute noch zum größten Teil in Familienbesitz. Helga Haberkern, die Frau eines Urenkels von Paul Haberkern, leitet seit vielen Jahren die Inselführungen am Denkmalstag. „Im Krieg wurde zwar einiges weggebombt, aber es sind auch viele der ursprünglichen Gebäude erhalten. Wir machen am Denkmaltag immer eine Führung über die Insel, die am zentralen Pavillon endet, wo es eine kleine Lesung zur Geschichte der Insel gibt. Wer danach noch Lust hat, kann zum Rundgang um die Insel auf schmalen Pfaden mitkommen.“ 

Ein Waldstück als Gartendenkmal

Ganz im Norden des Bezirks liegt im Frohnauer Forst ein Waldstück, das seit 1989 eingetragenes Gartendenkmal ist. „Vom Hubertusweg hoch bis zur Stadtgrenze ist der Wald denkmalgeschützt“, weiß Marian Przybilla, der die Waldführung am Denkmalstag leitet. Guido Graf Henckel, Fürst von Donnersmarck, mit Kohlegruben, Stahlwerken und Waldbesitz einer der reichsten Männer seiner Zeit, hatte hier Frohnau nach dem Vorbild der englischen Gartenstadtbewegung anlegen lassen. Mit der Inflation in den 1920er Jahren fand die Bebauung jedoch ein abruptes Ende und ein Teil der schon angelegten Wege-Infrastruktur fiel dem Vergessen anheim. „Im Wald finden sich noch die originalen Pflasterstraßen inklusive Bordsteinkanten.“

Entwicklung und Geschichte der Gartenstadt Frohnau ist auch Thema einer Fahrradtour durch Frohnau, die der Architekt Steffen Adam leitet. „Die Tour ist etwa 15 Kilometer lang und führt vom Zeltinger Platz aus in großem Bogen erst westlich, dann über die Invalidensiedlung und über den östlichen Teil Frohnaus zurück zum Startpunkt.“ 

Die Veranstaltungen des Kunstamtes

Das Kunstamt Reinickendorf ist am Denkmaltag mit drei Veranstaltungen vertreten. Im Rahmen des Projektes „werkstatt denkmal“ tauchten Schüler der Grundschule am Fließtal in die Welt zweier historischer Baustoffe ein, die heute wegen ihrer Nachhaltigkeit wieder als zukunftsträchtig gelten: Lehm und Ziegel. Im einwöchigen Workshop wurde die historische Verwendung dieser Baustoffe erforscht und die Schüler arbeiteten selbst mit Lehm, Flechtwerk und Holz. Die Workshop-Arbeiten werden am Sonntag, 8. September, ab 14 Uhr auf einer Präsentation mit Bezirksstadträtin Katrin Schultze-Berndt vorgestellt.

Haus und Hausgarten der Hannah Höch sind einer der renommiertesten Denkmalorte in Reinickendorf. Von den Nationalsozialisten verfemt, hatte sich die Künstlerin hierhin zurückgezogen und lebte dort, umgeben von ihrem geliebten Garten, bis zu ihrem Tod 1978. Friedericke Schuster vom Kunstamt wird in diesem Jahr in einem Vortrag mit dialogischer Bildbetrachtung Symbolik und Bedeutung, die Haus und Garten für das Werk der Künstlerin hatten, erläutern und erzählen, wie es zu Hannah Höchs Blumenkindern und Kakteenwächtern kam. Im Denkmalort Haus Hannah Höch und Hausgarten gibt es, organisiert vom Förderverein des Künstlerhauses, wie in den vergangenen Jahren einen Vortrag über den Garten der Hannah Höch, einen Collageworkshop und eine Ausstellung.

„Historischer Ort Krumpuhler Weg“

Ein düsteres Kapitel der Geschichte wird am Krumpuhler Weg in Tegel-Süd aufgeschlagen. Wo früher einmal Waldidyll und Bauernheide waren, befand sich zu NS-Zeiten ein Zwangsarbeiterlager, das mit 1.500 Insassen zu den größten Lagern Berlins zählte. Seit 2010 besteht dort die bezirkliche Gedenkstätte „Historischer Ort Krumpuhler Weg“, die an Leben und Alltag der Zwangsarbeiter erinnern soll. Die Führung am Denkmaltag übernimmt Frau Dr. Gertrud Schrage, die in Zusammenarbeit mit dem Museum Reinickendorf die maßgebliche Forschung bei der Aufarbeitung des Themas Zwangsarbeiter in Reinickendorf leistete.

"Newcomer" beim Tag des Denkmals: die Kirche in Konradshöhe

Wasserwerk Tegel und Denkmaldorf Lübars

Mit der Evangelischen Jesus-Christus-Kirche in Konradshöhe gibt es einen Neuzugang bei den Kirchen des Bezirks, die sich am Denkmaltag vorstellen. Neben einem Vortrag zu der Restaurierungsgeschichte des Rudolf-Schäfer-Wandbildes gibt es in der Kirche eine Ausstellung zu Gestaltungen der Maler Rudolf Schäfer, Robert Sandfort und Paul Thol in Reinickendorfer Kirchen. Im Lutherhaus in der Baseler Straße gibt es Vorträge zum Bauhaus in Berlin und zum Lutherhaus und den angrenzenden Siedlungen der Moderne – die Weiße Stadt liegt hier gerade um die Ecke. Auch die Dorfkirche Alt-Tegel, die Königin-Luise-Kirche in Waidmannslust und die Dorfkirche Alt-Reinickendorf sind mit Führungen und Konzerten wieder beim Denkmaltag dabei.

Beim Alten Wasserwerk Tegel in der Trettachzeile kämpfen die Bewohner der denkmalgeschützten Gebäude gerade um den Erhalt ihrer Lebenswelt. „Wir wurden völlig überrumpelt. Eines Tages standen Investoren auf dem Gelände und sagten: Der Wald kommt weg. Und die Gebäude auch“, erzählt Heinz-Jürgen Korte, der zusammen mit den anderen Wasserwerk-Bewohnern die Bürgerinitiative Altes Wasserwerk Tegel gründete und gegen die Investorenpläne vorging. „Unser Ziel ist der Erwerb des Geländes und eine am Gemeinwohl orientierte Entwicklung. Am Denkmaltag wollen wir mit Bürgerfest und Führungen zeigen, dass die Menschen hier auch schon in früheren Zeiten eine starke Gemeinschaft bildeten, die zusammen lebte, arbeitete und Feste feierte.“

Das 1247 erstmals urkundlich erwähnte Dorf Lübars hat bis heute seinen ländlichen Charakter erhalten. „Es gab sogar einmal Pläne, das ganze Dorf zu einem Museumsdorf zu machen. Daraus ist glücklicherweise nichts geworden“, sagt Norbert Heners-Martin vom Verein Natur & Kultur. „Wir haben hier 23 denkmalgeschützte Gebäude, das ganze Dorf steht unter Ensembleschutz und der LabSaal ist einer der historisch eindrucksvollsten Gasthaussäle in Berlin.“ Am Denkmaltag gibt es in Lübars Dorfführungen, der Kräuterhof Lübars, die Berliner Werkstatt für Behinderte und die Alte Dorfschule halten Tag der offenen Tür und im LabSaal gibt es einen Handwerkermarkt.

Blick von oben auf das Wasserwerk Tegel (Bild: BI Altes Wasserwerk Tegel)

Das Denkmaltag- Programmheft

Das Landesdenkmalamt hat zum Denkmaltag 2019 ein umfassendes Programmheft herausgebracht. Auf der Webseite www.berlin.de/denkmaltag kann das Programmheft kostenlos heruntergeladen werden. Im Heft sind die Denkmalorte, an denen Führungen oder Veranstaltungen stattfinden, mit allen wichtigen Informationen aufgelistet. Die meisten Veranstaltungen sind frei zugänglich, bei einigen jedoch wird um Voranmeldung gebeten.

29. August 2019