Titelthema

Von Hundeschulen bis Hundehaufen

Über das Leben mit vierpfotigen Begleitern in Reinickendorf

Von Bernd Karkossa

Er gilt als der beste Freund des Menschen, verzeiht alles und ist treu bis in den Tod. Sie folgen ihrem Besitzer auf Schritt und Tritt und machen, was Herrchen will. Naja, meistens jedenfalls.

Vom Wolf stammt der Hund ab, auch wenn bei einem Zwergpinscher oder dem Chihuahua, der kleinsten Hunderasse der Welt, nicht mehr allzu viel darauf schließen lässt. Obwohl die vermeintlichen Schoßhündchen durchaus Kampfeslust unter Beweis stellen. Bei gefährlichen Rassen wie etwa Pitbulls sind Konflikte in der Koexistenz von Hund und Mensch ohnehin vorprogrammiert. Die Berliner Beißstatistik aber erstaunt. Von den 2017 gemeldeten 584 durch Hunde hervorgerufenen Verletzungen bei Menschen gingen nur 39 auf das Konto der „gefährlichen“ Rassen, aber 149 auf das von Mischlingen. 

105.543 Hunde waren laut Statistik der Finanzämter 2017 in Berlin gemeldet. Es dürften einige mehr sein, so mancher spart sich die Hundesteuer lieber für andere Dinge  Also: Wie lebt es sich mit Hund in Berlin und vor allem in Reinickendorf? Die RAZ ist dieser Frage mal nachgegangen. Reinickendorf ist statistisch gesehen Hundeland. Seit zehn Jahren liefert sich der Fuchsbezirk ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit Marzahn-Hellersdorf um Platz eins. 2017 lag Marzahn-Hellersdorf mit 10.782 knapp vor Reinickendorf (10.340).

Wer keinen Hund besitzt, den nervt vor allem eins: Hundekacke. Wer in Berlin ist noch nie in eine „Tretmine“ gelatscht und hat sich über einen komischen Geruch gewundert und später bräunliche Spuren auf dem Läufer oder dem Flickenteppich entdeckt? Das subjektive Empfinden allerdings besagt: Früher war es schlimmer. Das meint auch Sabine Thümler, die Sprecherin der Berliner Stadtreinigung (BSR): „Gefühlt hat sich die Lage verbessert. Hundekot ist auch nicht mehr wie früher unter den Top Five der Beschwerden, die bei der BSR abgeladen werden.“  Ihr Kollege Sebastian Harnisch: „Die Erfahrungen unserer Einsatzkräfte zeigen, dass sich die Situation in den letzten Jahren verbessert hat.“ Belastbare Zahlen aber gebe es nicht.

Liegt es am im Juli 2016 in Kraft getretenen Berliner Hundegesetz? Danach müssen Hundehalter „geeignete Mittel“ wie etwa eine Plastiktüte mit sich führen, um den Kot aufzusammeln und zu entsorgen. Wer keine Tütchen dabei hat und bei einer Kontrolle des Ordnungsamtes dabei erwischt wird, muss ein Bußgeld bezahlen, in Berlin in Höhe von 35 Euro. In Reinickendorf finden solche Kontrollen aber nicht statt. Noch nicht.


Unklarheit bei Umsetzung der Verordnungen

„Die Bezirke vermissen mehrheitlich die nötige Klarheit im Gesetzestext“, sagt Sebastian Maack, Stadtrat für Bürgerdienste und Ordnungsangelegenheiten in dessen Ressort auch die Hundekacke fällt: „Kontrollen wurden bisher aufgrund der unklaren Gesetzeslage keine durchgeführt, werden aber in Kürze gestartet werden.“ Den subjektiven Eindruck der Verbesserung aber könne er bestätigen. Allerdings mit Einschränkungen: „Leider werfen Hundebesitzer ihre Beutel aber jetzt vermehrt einfach auf die Straße oder auf Baumscheiben, was auch einen Verstoß gegen das Straßenreinigungsgesetz darstellt.“

Aber neben der grundsätzlichen Leinenpflicht für Hunde im öffentlichen Raum ist auch die sogenannte Sachkundebescheinigung, auch „Hundeführerschein“ genannt, noch nicht verpflichtend. Auch wenn im Hundegesetz festgelegt ist, dass sich die Hundehalter die Sachkunde bei einem Sachverständigen aneignen können, ist noch nicht klar, wie genau das passiert und ob es dadurch weitere Ausnahmen der Leinenpflicht geben kann. Die Umsetzung der Verordnung ist nun für den Januar 2019 geplant.

Ebenfalls noch offen ist eine mögliche Handhabe gegen Hundeausführdienste („Dogwalker“), die gegen Bezahlung teilweise mehr als 20 Hunde spazieren führen. Angedacht ist eine Grenze von vier Hunden. Zusätzlich soll es dann noch ein Melderegister für Hunde geben, um Anzahl und Rasse besser zu dokumentieren. Dieses ist aber erst auf das Jahr 2021 datiert. Durch das zentrale Register sollen auch die Gewinnung aussagekräftiger statistischer Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Hunden in Abhängigkeit von deren Rasse oder Kreuzung möglich sein. Kritiker halten dagegen, dass es bereits zahlreiche Studien dazu gäbe. Die Statistiken hätten längst ausgewertet werden können, so dass eine Rassenliste nicht nötig sei. 


Therapien von und für Hunde

Das Thema Hund polarisiert wohl auch weiterhin. Jenseits der allgemeinen Ärgernisse über Häufchen und Leinenzwang lohnt ein anderer Blick auf den Hund: Zahlreiche belegen, dass Hunde ihren Haltern guttun – und das sowohl in körperlicher als auch seelischer Hinsicht. Die Vierbeiner können darüber hinaus durchaus hilfreiche Co-Therapeuten sein. Die Arbeit von Jessica Exner unterstreicht diese Aussage. Mit ihren Therapiehunden unterstützt sie die Arbeit von Pädagogen, Therapeuten und Ärzten und ist in verschiedenen sozialen Einrichtungen und Schulen im Einsatz. So war sie in Reinickendorf bereits an der Wiesengrundschule, der Schule am Park und der Stötzner Schule. Im kommenden Jahr begleitet das flauschige Team um Exner ein Projekt des Georg-Herwegh-Gymnasiums. 

Ihrerseits können aber auch Hunde von Therapien profitieren. Die Tegelerin Gina Bittrich beispielsweise bringt in ihrer Mobilen Hundeschule Berlin „ganz normalen Hunden“ die Grundkommandos bei, bildet Besuchs- und Gebrauchshunde aus und therapiert so genannte Problemhunde. Auch bei Ängsten von Kindern vor Hunden kann etwas getan werden. So bringt Jane Newport, Heilpädagogin, Erzieherin und Fachdozentin in der tiergestützten Pädagogik, Kleinkindern den richtigen Umgang mit Hunden nahe – zuletzt in der Heiligenseer Kita „Kleine Pusteblume“. Kinder haben oft Angst vor Hunden, vor allem aus Unwissenheit. Mit dem Präventionsprojekt „Hundeführerschein“ vermittelte sie den Kindern nicht nur theoretisch, wie man sich am sichersten einem Hund nähert, sondern auch praktisch mit ihren beiden Hunden Maggie und Emma. Ist das Projekt beendet, erhalten die Kinder ihren „Hundeführerschein“. 


Illegaler Welpenhandel

Ein wichtiges Thema im Bezirk ist auch der illegale Welpenhandel. Nach dem neuen Hundegesetz dürfen Hunde, die jünger als ein Jahr sind, nur noch bei nachweislich sachkundigen Züchtern und Haltern gekauft werden. Die Bezirke registrierten dennoch eine deutliche Zunahme des illegalen Welpenhandels, vor allem über das Internet. Das hielt auch die Bezirksverordnetenversammlung Reinickendorf in mehreren Sitzungen auf Trab. Reinickendorf galt geradezu als Hochburg.

„Der illegale Welpenhandel war im letzten Jahr in der Tat in Reinickendorf sehr präsent“ sagt Stadtrat Maack. „Aber seit dem konsequenten Vorgehen des Ordnungsamtes gegen illegale Händler seit Jahresanfang ist er aus dem Bezirk weitestgehend verdrängt worden. Leider wurde der Handel aber nur in andere Bezirke abgedrängt.“ Maack versuche nun, seine Amtskollegen in anderen Bezirken davon zu überzeugen, entweder berlinweit dagegen vorzugehen oder die Aufgabe in einem Bezirk, beispielsweise Reinickendorf, zu bündeln. In diesem Fall würde ein Bezirk die Arbeit für ganz Berlin übernehmen. Maack: „Das hätte auch den Vorteil, dass illegale Händler zentral erfasst werden könnten.“

Wegen der zu erwartenden Anträge auf eine Sachkundebescheinigung wird in den Ordnungsämtern ab Januar mit einem größeren Ansturm gerechnet. Pro Bezirk sollen laut „Morgenpost“ zwei zusätzliche Stellen im Fachbereich Veterinär- und Lebensmittelaufsicht eingerichtet werden, eine davon befristet. Zusätzliches Personal für Kontrollen der Leinenpflicht wird es aber nicht geben. Der Tierschutzverein lehnt eine generelle Leinenpflicht ab, weil gesundes Sozialverhalten dadurch eher unterbunden würde. Und eines sollte man nie vergessen: Es geht um den besten Freund des Menschen, und dem sollte man zumindest die lange Leine lassen. 


„Hunde sehen dem Menschen in die Seele“

Die RAZ im Gespräch mit Jessica Exner, die mit ihren Therapiehunden im Bezirk unterwegs ist

Jessica Exner begleitet und unterstützt mit ihren Therapiehunden die Arbeit von Pädagogen, Therapeuten und Ärzten unter anderem in Schulen und Pflegeeinrichtungen in Reinickendorf.


Wie sind Sie „auf den Hund“ gekommen?

Mit meiner ersten eigenen Hündin aus einem polnischen Tierheim begann mein beruflicher Werdegang in der tiergestützten Arbeit. Ich habe Agrarwissenschaften studiert und fünf Jahre lang mit einer Tierärztin eine Tierarztpraxis geführt. Nebenbei habe ich mit meiner Hündin einzelne Senioren in Einrichtungen betreut. Über einen Abendkurs habe ich eine pädagogische Ausbildung absolviert und ich habe meine Prüfung zur Heilpraktikerin auf dem Teilgebiet der Psychotherapie erfolgreich absolviert. Seit zwölf Jahren begleite ich seitdem Kinder, Senioren und Menschen mit Behinderung mit meinen Hunden.


Wo kommen Therapiehunde zum Einsatz?

Der Einsatz von Hunden ist vielseitig. Die staatliche Anerkennung hat lediglich der Blindenführhund. Assistenzhunde unterstützen selbständig Menschen mit unterschiedlichen körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigungen in ihrem Alltag. Sogenannte „Therapiehunde“ kommen in der Regel gemeinsam mit 

ihrem Hundehalter zum Einsatz in unterschiedliche Einrichtungen wie in Senioreneinrichtungen, Schulen, Kinderheime, Wohngemeinschaften für Menschen mit Unterstützungsbedarf  und Kliniken.


Was sollte der Halter eines Therapiehundes mitbringen? 

In der hundegestützten Arbeit begegnet man unterschiedlichen Menschen und sollte Freude daran haben, diese Menschen kennen zu lernen. Wertschätzung, Empathie und Authentizität der Person am anderen Ende der Leine des Hundes sind wichtig. Die Beobachtungsgabe des Menschen sollte geschult werden, um physische und psychische Besonderheiten beim Klienten wahrzunehmen.  Jeder Hund hat eine allgemein gültige Körpersprache und seine eigeneindividuelle Sprache. Diese  Sprache zu deuten, ist oberste Priorität in der Arbeit mit Hunden. Erst an zweiter Stelle steht der Hund. 

Wie wird ein Hund für welchen Einsatz ausgewählt?

Ich arbeite mit Hunden aus dem Tierschutz. Meist habe ich bereits von Beginn an ein Gespür dafür, welcher Hund sich für welchen Einsatzbereich anbietet. In Regelschulen oder sportbetonten Seniorengruppen brauche ich einen Hund, der Freude an der Bewegung hat, gerne Tricks lernt und aktiv ist. In Kliniken oder Hospizen stehen oft der körperliche Kontakt und die Nähe zum Hund im Vordergrund, so dass ich einen ruhigen Hund wähle. In der Ausbildung der Hunde richte ich mich nach den Fähigkeiten der Hunde, danach was die Hunde von sich aus mitbringen und was ihnen Freude macht. 


Gibt es Hunderassen, die sich besonders gut eignen?

Ich richte mich weniger nach der Rasse, dem Alter oder dem Geschlecht des Hundes, als nach dem Charakter des Tieres. Sicherlich sollte man in der Ausbildung bestimmte typische rassecharakteristische Merkmale berücksichtigen. So hat ein Hütehund vielleicht mehr Freude, eine Gruppe von Schülern beim Joggen im Sportunterricht zu begleiten, als eine englische Bulldogge.


Was können Tiere manchmal besser?

Hunde sind mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit im Hier und Jetzt. Sie sind oft bessere Zuhörer oder bessere Partner für Streicheleinheiten und Nähe. Hunden sehen dem Menschen in die Seele und urteilen nicht aufgrund Äußerlichkeiten. Sie haben eine unglaubliche Fähigkeit zur Empathie und können die Gefühle des Menschen viel schneller erkennen als wir selbst. Wer einem Hund mit Wertschätzung begegnet, wird mit Zuneigung von ihm belohnt werden. Ich danke meinen Hunden sehr für ihren Einsatz, der vielen Menschen ein Lächeln ins Gesicht gezaubert hat.

10. Oktober 2018

Fotos: Privat und Gina Bittrich