Bild (c) Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin

Historisches

Ein Zuckerzeugnis für Frohnau

Konditormeister Günter Thorwest fertigte eine Nachbildung des Kasinoturms – aus Zucker

Von Redaktion

Frohnau - Mehr als 180.000 Kalorien und vermutlich mindestens so viele Karies-Bakterien hätte der Verzehr dieses besonderen Bauwerks wohl mit sich gebracht und nach sich gezogen: 1985 entstand in Frohnau ein historisches Zeugnis der besonderen Art, eines aus Zuckerzeug … ein Zuckerzeugnis sozusagen. Konditormeister Günter Thorwest fertigte mit seinem Kollegen Wolfgang Stoffenberger anlässlich der 75-Jahr-Feier der Gartenstadt eine originalgetreue Nachbildung des Kasinoturms – im Verhältnis 1:30, mit den Maßen 56 mal 110 mal 114 Zentimeter, das ist etwa so hoch wie ein Kitakind. 480 Meisterstunden in zweieinhalb Monaten stecken darin, ebenso massig Material von 45 Kilogramm Puderzucker, 10 Liter Eiweiß und knapp ein Kilogramm Gelatine. 

Die RAZ hat sich auf Spurensuche begeben, denn seit mehr als 15 Jahren ist es – weg. 2002/2003 war es in der Sonderausstellung „Süßes Berlin“ am damaligen Standort des Zucker-Museums im Wedding ausgestellt. Wie die Skulptur dorthin gelangte? Noch im Jahr ihrer Entstehung war sie im Festzelt am Zeltinger Platz unter den Hammer gekommen; knapp 2.500 D-Mark brachte sie damals ein – mehr als den zweifachen Materialwert, berichtete Thorwest bei einem Besuch in der RAZ-Redaktion. „Von dem Erlös wurden zwei Parkbänke für den Ludolfinger Platz angeschafft.“ 

Käufer der Plastik war Reisebüro-Inhaber Henry Henke, der sie dem Heimatmuseum vermachen wollte. Doch schließlich ging sie ans Zucker-Museum. Dessen Standort Wedding ist seit einigen Jahren passé, die überarbeitete Ausstellung „Alles Zucker! Nahrung – Werkstoff – Energie“ im Technikmuseum integriert. René Spierling, zuständig für die Zucker-Ausstellung, verriet der RAZ: „Das außergewöhnliche Zucker-Modell mit Berliner Geschichte befindet sich bei uns in guten Händen. Derzeit ist es in unserem Depot eingelagert.“

 Zu Gesicht bekommen wird es aber so schnell niemand: „Es gibt keine Pläne, das Objekt im Rahmen einer Ausstellung zu präsentieren. Wir möchten es als ein gut erhaltenes Beispiel für großformatige Zuckerkunst weiterhin sorgsam bewahren.“ In solchen Fällen wiegt für das Technikmuseum der Objektschutz stärker als das Bemühen, das Objekt zeigen zu können, heißt es. Wer sich nochmal ein Bild machen möchte, hat zumindest indirekt Chancen. Sprecherin des Museums Tiziana Zugaro: „Wir arbeiten gerade daran, unsere Objekte nach und nach auch online zugänglich zu machen.“

14. März 2019