Panorama

Eine Gartenstadt feiert runden Geburtstag

Bauen als Sozialreform: Luisenhof und Hinter der Dorfaue werden 100 Jahre alt

Von Andrei Schnell

Reinickendorf – Beim Bauen legte man vor 100 Jahren ein beachtliches Tempo vor. 1919 stellte Georg Heyer den Bauantrag für die Siedlung Luisenhof. Und noch im selben Jahr waren die ersten Häuser im Rohbau fertig. 1920 zogen die Bewohner ein. 

Die 100 Jahre alte Siedlung Luisenhof liegt ganz in der Nähe des S-Bahnhofs Reinickendorf. 80 Grundstücke mit kleinen Einfamilienhäusern, die sich aneinander lehnen, bilden ein zusammenhängendes Ensemble. Die angrenzende Siedlung Hinter der Dorfaue entstand zeitgleich. Sie umfasst 30 Häuschen. Die beiden Siedlungen erstrecken sich zusammen auf rund 30.000 Quadratmetern und liegen zwischen dem Bahndamm und dem alten Reinickendorfer Dorfkern. 

Das Besondere ist, dass beide Siedlungen nicht der Profitmaximierung der Flächenentwickler dienten. Die Kleinhaussiedlungen sind Beispiele für Bauen mit sozialreformerischen Zielen. Für den Bau des Luisenhofes an der Luisenstraße gründete der Visionär Georg Heyer eine gemeinnützige Wohnungsgesellschaft. Er wollte eine so genannte Gartenstadt erschaffen. Merkmal der Gartenstadt ist eine niedrige Bauweise an Stelle einer mehrstöckigen Mietskaserne. 

Versorgung von Kriegsveteranen

Erreicht werden sollten gesunde Wohnungen und der Zugang zu einem eigenem Nutzgarten. Georg Heyers wollte mit dem Bau des Luisenhofes seine sozialreformerischen „Vorstellungen vom Kleinhaus für selbstversorgende Bewohner mit eher geringem Einkommen“ verwirklichen, wie das Online-Lexikon Wikipedia schreibt. Der Leitgedanke beim Bau der Siedlung Hinter der Dorfaue war die Versorgung von Kriegsveteranen. Das war der Anspruch der bauenden Umlandgemeinde Reinickendorf (die erst 1920 Teil von Groß-Berlin wurde). Der Erste Weltkrieg lag nur wenige Jahre zurück, die aus ihm folgenden sozialen Probleme drängend.

Seit 1996 stehen die beiden Siedlungen unter Denkmalschutz. Die Bewohner beurteilen diesen kritisch. Die Auflagen werden als zu hart empfunden, wenn Fenster sechsteilig sein müssen, die Art der Dachziegel vorgeschrieben wird, die Vorgärten mit pflegeaufwändigem Holz umzäunt werden müssen. Die Farbe der Hauswände ist vorgegeben und Dämmung nicht erlaubt. Ungerecht finden sie, wenn wechselnde Mitarbeiter im Denkmalamt das eine Mal Dachfenster genehmigen, das andere Mal nicht. Oder wenn Gauben (Aufbauten für Fenster auf dem Dach) vorgeschrieben und dann wieder abgelehnt werden, wie ein Anwohner berichtet.

Klare Struktur nur noch in Resten erkennbar 

Dagegen würde mancher Spaziergänger oder Nutzer des durch die Siedlung führenden Radfernweges sich vielleicht mehr Denkmalschutz wünschen. Denn die klare Struktur, mit der sich die Siedlung vor 100 Jahren zeigte, ist heute nur noch in Resten zu erkennen. Die einheitliche Erscheinung der Siedlung ging verloren, weil nach 1945 jeder Hausbesitzer bei Renovierungen ein wenig mit der Zeit ging.

9. Mai 2019