Historisches

Einer der ersten Skyscraper Berlins steht in Tegel

Die Geschichte des Borsigturms – beeindruckendes Denkmal der Industriearchitektur

Von Sarah Orland

Eines der letzten Relikte einer vergangenen Industrieepoche – der 1922-24 errichtete Borsigturm in Berlin-Tegel ist das erste Hochhaus Berlins. Der Bau des Gebäudes in der Berliner Straße erzählt die Geschichte der Borsigwerke, die 1827 von August Borsig gegründet und nach wenigen Jahrzehnten zum größten Lokomotivproduzenten Europas geworden waren.

Die Geschichte der Borsigwerke 

In den 1920er Jahren war das Bauland knapp im Industrieareal. Der angrenzende Tegeler See war keine Idylle zum Entenfüttern wie heute, sondern die direkte und lärmende Industriestraße vom Hafen ins Werk. 

Durch den steigenden Verwaltungsaufwand benötigte die industriell erfolgreiche Borsig AG mehr Büroräume. So gaben die Brüder Conrad und Ernst von Borsig dem Berliner Architekturprofessor Eugen Schmohl den Auftrag für die Planung eines Bürohauses.

Architektur des Borsigturms 

Entstanden ist ein 65 Meter hoher Turm auf einer Grundfläche von 20 mal 16 Metern. Der Bau sollte funktionell sein, aber Schmohl verlieh dem Gebäude durch die hervortretenden Gesimsbänder, die jeweils drei Geschosse zusammenfassen, ein individuelles Aussehen. Äußerlich waren die Fassaden des Turmes aus Backstein gemauert, im Innern wurde er von einem Stahlskelettbau gehalten. Auf neun Etagen wuchsen nun Büros der Verwaltung in die Höhe. In der zehnten und elften Etage, der Turmspitze, lastete sogar ein Wassertank für die Versorgung des Werksgeländes. Reine Brauchwassertürme waren den Brüdern Borsig auf ihren Anlagen nicht fremd. Das neue Bürohochhaus wurde schnell zum Wahrzeichen der Borsigwerke. 

Der Bau des Borsigturms 

Die Höhe des Gebäudes stellte die Berliner Verwaltung vor ein neues Problem: Wer konnte die Bauausführung überprüfen? Es hatte ja keinen Vorgänger gegeben. Die Bezirksverwaltung in Reinickendorf wurde erst 1921 aufgebaut und war personell nicht in der Lage, den Bau zu überprüfen. Der Borsigturm konnte schließlich nur mit einer Sondergenehmigung des Polizeipräsidiums gebaut werden. Architekt Eugen Schmohl diskutierte abseits davon mit anderen Kollegen freimütig Entwürfe, die im starken Gegensatz zur tatsächlichen Bauerlaubnis dieser Zeit standen. Entwürfe gab es bereits viele, nur konnte noch keiner von ihnen verwirklicht werden. Berliner Architekten gerieten ins regelrechte „Hochhausfieber“. Die gegenseitige Einflussnahme hat eine überraschende Spur hinterlassen: Schmohl weckt mit seinem Borsigturm auch heute noch das Interesse englischsprachiger Architekturhistoriker, zum Thema Skyscrapers und der Berliner Experimentierfreudigkeit. 

Tegeler Meinungen

Und was sagten die Tegeler zum Borsigturm? Die hatten scheinbar eher an den Unternehmern Borsig und dem Industriegelände Interesse. Der „Berlin Tegeler Anzeiger“ brachte 1922 eine zwölfteilige Serie mit dem Titel „Die Industrie unserer Gegend“ heraus. Von der Schmiedepresse, über das Hammerwerk bis zum letzten Artikel, in dem es um Borsigs Wohlfahrt geht, wird minutiös berichtet. Die eigens gegründete Borsig-Zeitung berichtet unter der Rubrik „Verwaltung und Betrieb“ in einem vergleichsweise bescheidenen Absatz über den Bau des nebenanliegenden „Lohnbüros“, ebenfalls von Schmohl erbaut: „[…] Dass dieses Haus ein Künstler von Rang entworfen hat, sieht jedermann. Es ist nach den Entwürfen von Professor Schmohl ausgeführt worden. Die Firma gab auch hier nicht nur dem Künstler und dem Baugewerbe dringend verlangte Arbeit, sondern zeigt wiederum ihr dauerndes Bemühen, den Angehörigen des Werkes Arbeit zu verschaffen, die durch ihre Schönheit und Geräumigkeit zu einer freudig schaffenden Arbeit anregen soll“.

Funktion im Zweiten Weltkrieg

Während der NS-Diktatur wurden die Borsigwerke zum Rüstungsbetrieb, obwohl auch die Widerstandsgruppe Mannhart im Werk wirkte. Da die Borsig AG auch Zwangsarbeiter beschäftigte, wurden diese sprichwörtlich vom Turm aus verwaltet. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Borsigturm zerbombt, der Stahlskelettbau hielt Stand, die Büroräume waren ausgebrannt. 

Umgebung des Borsigturms 

Heutzutage orientieren sich die umliegenden Gebäude am Borsigturm, um den Industriecharakter des Borsig-Areals zu bewahren. Seit 1996 entstanden rings um den Borsigturm ein Gründerzentrum, ein Hotel, ein Bürogebäude und die zu einer denkmalgeschützten Einkaufspassage umgebauten alten Werkshallen „Hallen Am Borsigturm“. Ebenfalls unter Denkmalschutz steht das 1898 fertig gestellte Werktor zum ehemaligen Betriebsgelände der Borsigwerke: das Borsigtor. Mit den zwei massiven Rundtürmen aus Backstein und dem zinnenbekrönten Torbogen erscheint das Tor heute wie ein mittelalterlicher Festungseingang. 

28. März 2018

Foto: Hans-Albert Löbermann