Soziales & Familie

Mit 101 geht noch einiges

Johanna Thürmann meistert ihr langes Leben mit Bravour

Von Anke Templiner

Geboren und aufgewachsen ist Johanna Thürmann im Wedding, nahe der Plumpe – Hertha-Fans können das Stadion am Gesundbrunnen sofort in der Vereinsgeschichte verorten. 

Sie ist begeisterte Schwimmerin und nimmt für ihren Verein an Berliner Schwimmstaffeln teil. Wenig später lernt sie in ihren Mann Walter kennen, heiratet und bekommt eine Tochter und einen Sohn. Das Glück der jungen  Familie dauert nur bis 1945 an – Walter wird kurz vor Kriegsende als Ingenieur an die Ostfront eingezogen, sie wird ihn nie wieder sehen. Erst 1947 erfährt sie, dass er noch während des Krieges 1945 im Lazarett gestorben ist. Von einer Krankheit hat er sich nie erholt. 

Währenddessen versucht Johanna mit ihren Kindern zu überleben – und das wird in einer Stadt wie Berlin immer schwerer, sie flieht vor Hunger, Zerstörung und Ungewissheit mit ihren Kindern zu Verwandten aufs Land und bleibt dort noch lange nach Kriegsende. Zurück in Berlin nimmt Johanna Thürmann ihr Leben in die Hand und zieht ihre beiden Kindern allein groß – sie hat nie wieder geheiratet. Über viele Jahre hinweg, bis zur ihrem Rentenbeginn, arbeitet sie als Chefsekretärin in der Sportredaktion des SFB. Sie reist quasi durch die ganze Welt,  besucht Japan, Neuseeland und die USA. Erst mit über 50 Jahren macht sie ihren Führerschein und fährt, bis es nicht mehr so gut geht, mit ihrem Auto.

Das Interesse an anderen Ländern, an Sport und Medien hat sie bis jetzt nicht verloren. Auch heute verfolgt sie im Fernsehen aktuelle Sportveranstaltungen – etwa die Olympischen Spiele oder Reportagen. Sie liest regelmäßig Zeitungen – und sie surft an ihrem Computer. Vor mehr als 20 Jahren hat der Enkel­sohn ihr den Umgang mit dem PC erklärt. Keine Frage, dass ihr PC 2015 beim Umzug ins Seniorenheim am Kienhorstpark in der Ollenhauerstraße mitkommt. Da ist sie schon 99 Jahre alt, aber ihre Neugierde und ihr Interesse an den Dingen, die sie umgeben, ist nach wie vor da. Und so sitzt sie nach dem Frühstück an ihrem Schreibtisch, auf dem es selbst einen Drucker gibt, wie am Arbeitsplatz. Früher hat sie auch gemailt, heute spielt sie am PC meistens nur noch Solitär. Gemeinsames Kartenspielen mit den anderen Heimbewohnern gibt es nicht, „man redet ja nicht mal beim Essen miteinander“. Aber alleine fühlt sie sich nicht – es gibt ja die Medien.

30. April 2018

Foto: Anke Templiner