Historisches

Villa Borsig – vom Industriellensitz zum Gästehaus

Auf Reiherwerder entstand in der Zeit von 1911 bis 1913 das prächtige Landhaus

von Daniele Schütz-Diener

Drei Villen hat die Industriellen-Dynastie Borsig in Berlin gebaut. Erhalten geblieben ist nur eine von ihnen, die Borsig-Villa auf der Halbinsel Reiherwerder in Tegel. Die Brüder Paul Ernst und Conrad August Albert von Borsig, Enkel des legendären August Borsig (1804-1854), dem Gründer der Borsigwerke, erwarben 1898 von der Familie von Humboldt den zum Gut Tegel gehörenden Inselbesitz, um auf der Halbinsel Reiherwerder ein neues repräsentatives Anwesen errichten zu lassen. 

Die schlossartige Villa mit Mittelpavillon und Laubengängen auf der Gartenseite ist zwischen 1911 und 1913 entstanden. Die Ähnlichkeit mit Schloss Sanssouci war durchaus beabsichtigt – ein mehr oder weniger subtiler Hinweis darauf, dass die Borsigs 1909 durch Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben wurden. 


Wechselvolle Geschichte

Die Geschichte der Villa ist wechselvoll: Nach dem Tod Ernst von Borsig wurde das Anwesen auf Reiherwerder 1937 an das Reichsfinanzministerium verkauft. Bis 1945 residierte dort die Reichsfinanzakademie. Von 1946 bis 1951 übernahm der Oberkommandierende der französischen Truppen in Deutschland die Villa als Sitz. Dann diente das Landhaus zeitweilig als Gästehaus der Stadt Berlin und der Bundesrepublik Deutschland, um ab 1959 die Deutsche Stiftung für Internationale Entwicklung zu beherbergen.

Die Anlage wird seit 2005 als Gästehaus und Aus- und Fortbildungsstätte des Auswärtigen Amtes genutzt. Das gesamte Gelände ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich: Eine Ausnahme bildet allerdings der „Tag der offenen Tür“. Im vergangenen Monat war es wieder einmal so weit, und Interessierte konnten einen Blick in die Salons der alten Villa werfen.


Deutsches Porzellan

„Wir decken grundsätzlich deutsches Porzellan“, erklärte eine Protokollmitarbeiterin im Rahmen der Veranstaltung die Eindeckung des Speisezimmers anlässlich des diesjährigen Tages der offenen Tür. „Wir bemühen uns, immer die Blumendekoration in den Farben der Flaggen des Gastlandes zu gestalten“, kommentierte sie weiter. Aufgebaut war eine exemplarische Mittagstafel, wie sie für den Besuch des griechischen Außenministers Prof. Dr. Nikos Kotzias Ende Mai gedeckt wurde. „Die Tischkarten wurden von unserem Kalligraphen handschriftlich gestaltet, wobei immer die beiden ranghöchsten Minister in der Mitte des Tisches sitzen, und danach werden alle anderen Teilnehmer der Ranghöhe nach angeordnet.“


Vielfältige Nutzung

Äußerst akribisch werden diese Besuche von den Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes vorbereitet. Sofern die Dolmetscher nicht mit am Tisch sitzen, kann im Nebenraum eine Dolmetscherkabine aufgestellt werden, um alle Teilnehmer über Kopfhörer in die Kommunikation einzubinden. Der Kamin im Speisezimmer jedoch ist heute nur noch ein Dekorationselement, aber es gibt auch noch ein echtes Kaminzimmer und eine Bibliothek, wo es sich die Minister und Gäste gemütlich machen können. Durch die vielen Fotowände, die in den unteren Räumlichkeiten verteilt stehen, wird dem Besucher das geschäftige Treiben in der Villa Borsig sehr lebendig präsentiert. Neben seiner Funktion als Gästehaus des Außenministers werden die Räume der Villa auch für interne Veranstaltungen des Auswärtigen Amtes genutzt, aber auch andere Ministerien mieten sich für Tagungen ein.

Sicherlich würden sich Conrad und Ernst Borsig über die besondere Rolle des Hauses und dessen vielfältige Nutzung in der heutigen Zeit freuen. 

8. Oktober 2018

Foto: Archiv H. Wolf und Daniele Schütz-Diener